https://www.faz.net/-gsd-8y7xj

Album der Woche : Ein George Clooney der Popmusik?

  • -Aktualisiert am

Flauschig: John Mayer Bild: Sony Music

John Mayer ist ein exzellenter Musiker, kann sich aber oft nicht entscheiden zwischen Arthouse und Blockbuster. Sein neues Album heißt passenderweise „The Search for Everything“.

          Er habe in letzter Zeit viel über George Clooney nachgedacht, bekannte der Songwriter, Gitarrist und Sänger John Mayer vor kurzem in der „New York Times“: „ein Typ, der in einem Arthouse-Film auftreten kann, um gleich darauf einen Blockbuster zu drehen“. Eine Doppelexistenz also steht Mayer als Ideal vor Augen: als Künstler, der mit Eric Clapton, John Scofield, Herbie Hancock und den verbliebenen Grateful Dead auf der Bühne steht und zugleich deren Erbe antreten kann; und als Popmusiker, der sich für das Eingängigste, mitunter auch Seichteste nicht zu schade ist (weiterhin beliebt im Mainstream-Radio: „Your Body is a Wonderland“) und auch die intensive Aufmerksamkeit der Tabloids nicht scheut: Vielen wird Mayer in erster Linie durch seine Beziehungen zur weiblichen A-Prominenz, zu Jennifer Aniston, Taylor Swift und Katy Perry bekannt sein.

          „Arthouse“, das sind für Mayer die Platten der vergangenen Jahre, die vor allem geprägt waren von Blues, Jazz und Americana (etwa „Born and Raised“ von 2012). Der nun vorliegende „Blockbuster“ soll dagegen an die vorausgegangene Billboard- und Grammy-Karriere wieder anschließen. Und in der Tat: Ein so anschmiegsames Album wie „The Search for Everything“, mit seiner glattpolierten Amalgamierung von Soul, Funk, Country, Folk und Rock, ist auf längere Sicht wohl nicht zu erwarten.

          Im postmodernen Sinne eklektisch wirkt Mayers hochversiertes Gitarrenspiel, das ohne alle Brüche unterschiedlichste Stile, Klänge und Traditionen in sich vereint. Charakteristisch für die Platte ist außerdem die zurückgelehnte Bass-Artistik von Pino Palladino, die bereits maßgeblich prägend war für D'Angelos epochales Neo-Soul-Album „Voodoo“ (2000). Hinsichtlich ihrer musikalischen Autorität steht diese Besetzung, die durch Steve Jordan am Schlagzeug komplettiert wird, also über allem Zweifel.

          Auch als Songwriter ist Mayer ein Meister der popmusikalischen Mimikry. „The Search for Everything“ – der Titel der Platte ist schließlich nicht zuletzt als ein formales Statement zu verstehen. Und so gibt es auf diesem Album fast nichts, was nicht schon irgendwie vorgeprägt wäre: die schöne Country-Seligkeit von „Roll it on Home“ mit Tom Petty-Anklängen; der urwüchsige Funk-Rock von „Helpless“, das allerdings nur entfernt auf Neil Youngs gleichnamigen Song zurückverweist; oder das pfeifend-beschwingte „Rosie“, das in den Neunzigern als Titelsong für eine Familienserie hätte dienen können.

          Einfach sind die Songs aber nur beim ersten Hören, denn immer wieder durchbricht Mayer die harmonischen, rhythmischen und instrumentellen Konventionen, die er mit seinen Songs aufruft – ein komplexes Spiel der Zitation und Variation. Besonders gut gelingt dies in „Emoji of a Wave“: Alles, von der Gitarre über die elektronischen Streicher bis zu den dezenten Pauken, scheint hier nur allzu bekannt, und doch ergibt es in der Zusammensetzung ein reizvolles Intarsienstück, bei dem allenfalls der sinnfreie Titel irritiert.

          Dennoch: Ein George Clooney der Popmusik wird aus John Mayer für erste jedenfalls nicht. Wo nämlich der eine durch sein ziemlich unbeirrbares Stilempfinden kommerziellen Erfolg und künstlerischen Anspruch meist gut miteinander zu versöhnen vermag, leistet sich der andere immer wieder Peinlichkeiten – und dies geht über die zahlreichen textlichen Plattitüden auf „The Search for Everything“ deutlich hinaus: „The prettiest girl in the room, she wants me / I know because she told me so“, mit dieser ersten Zeile aus dem Song „Still Feel Like Your Man“ nimmt Mayer direkt Bezug auf die öffentlich breitgetretene Trennung von einer seiner Star-Freundinnen. Außerdem bezieht sich das Video zu dem Song, in dem sich der Sänger auf einen choreographierten Tanz mit Pandabären und Geishas einlässt, mit durchsichtiger Ironie auf einen Skandal: Vor einigen Jahren hatte sich der Musiker mit Äußerungen über Sexualität und Rassismus um Kopf und Kragen geredet. All dies nun mit dem augenzwinkernden Gestus der künstlerischen ‚Verarbeitung‘ wieder in Erinnerung zu rufen, geht wirklich furchtbar schief.

          Bei allem, was John Mayer zweifellos ist, ein hochbegabter Musiker und anspruchsvoller Songwriter, fällt es schwer zu akzeptieren, was er offenbar nicht zu sein vermag: nämlich ein souveräner Vermittler in eigener Sache.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

          Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
          Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.