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Album der Woche : Bitte folge mir nicht in die Sonne

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr allein: der Sänger Dallas Green Bild: Dine Alone Records/Caroline (Universal)

Vom einfachen Folk zum pompösen Arrangement: In die neue Musik von City and Colour muss man sich erst einhören. Aber dann reißt einen die Welle doch noch mit.

          Wer die folkigen Anfänge von City and Colour noch im Ohr hat, also Lieder wie „Comin' Home“ und „Sleeping Sickness“, der wird sich in dieses Album erst einhören müssen: Der kanadischstämmige und eindrucksvoll tätowierte Sänger Dallas Green ist hier nun nicht mehr allein mit seiner Gitarre, sondern mit seiner ganzen Tourband ins Studio gegangen und kostet die sich daraus ergebenden Möglichkeiten weidlich aus. Vielleicht überstrapaziert er sie auch etwas.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei dem flächigen Opener „Woman“ schwelgt Greens Falsettgesang in sehr viel Hall, ohne dass dabei großes Gefühl aufkäme, eher ist man froh, wenn die brausende Klangwelle ausgerollt ist und wieder Ruhe einkehrt. Auch der Song „Mizzy C“ wird irgendwann anstrengend, so überraschend die Wende zum härteren Rock mit ausufernden Gitarrensoli und ordentlich Rückkopplung bei diesem Künstler auch anmutet.

          Wenn man diese Hürden genommen hat, wird es aber besser. „Killing Time“ wirkt zumindest bis zur Hälfte wie luftiger Soulfunk, erst nach hinten heraus wird die Aufnahme wieder vollgepackt mit weiteren Klangspuren und Effekten. Aber beim Titelstück ist dann endlich alles gut, denn hier schwingt Green sich zu einer großen Ballade auf, deren Hinwiegen im Sechsachteltakt von glockenklaren, frei ausklingenden Akkorden einer Tremolo-Gitarre strukturiert wird.

          Über dieser klaren Struktur kann Greens Stimme sich frei entfalten und kommt endlich richtig zur Geltung, wenn sie in langer Linie die ernsten Worte dehnt: „If I should go before you / When that long night comes / We'll meet in the ever after / Please don't follow me into the sun“.

          Das hat Gravität und ist gleichzeitig poetische Resonanz auf einen Topos der Begräbnislyrik, wie er sich etwa in dem Gedicht der britischen Schauspielerin und Lyrikerin Joyce Grenfell findet: „If I should go before the rest of you, / Break not a flower, nor inscribe a stone, / Nor, when I’m gone, speak in a Sunday voice, But be the usual selves That I have known“.

          Bei Dallas Green ist die Vorstellung davon, was passiert, wenn einer zu früh geht, nicht ganz so leicht kompatibel mit einem Appell zum trotzdem diesseitsbetonten Leben der Hinterbliebenen. Stattdessen schwingt er sich zu großem Pathos auf: „And when the night cries itself awake / Dying in the light of day“ – das ist ein sehr schönes, wenn auch trauriges Sprachbild –„Our endless love will remain“. So etwas kann in der Popmusik ganz leicht schiefgehen. Aber hier geht es glatt.

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