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Album der Woche : Sein ganzes Leben steckt in diesen Liedern

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Eine mühsame Reise, die sich gelohnt hat: Jimmy Scott (1925 bis 2014) Bild: Eden River Records

Späte Ehre: Das Vermächtnis des Jazzsängers Jimmy Scott hat der Düsseldorfer Musikproduzent Ralf Kemper mit dem Album „I Go Back Home“ gerettet.

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          Eine seltene Erkrankung, das Kallmann-Syndrom, bescherte seiner Stimme die ewige Kindheit. Aber nicht nur die hohe Stimme und die kleine Gestalt machten Jimmy Scott zu einem Unikum, der Amerikaner erlebte auch eine der seltsamsten Karrieren der Musikwelt mit tragisch langen Pausen. In den Bands von Jimmy Lunceford und Lionel Hampton fing er an, arbeitete mit Charlie Parker und landete erste Hits mit meisterlichen Balladen-Interpretationen wie „Everybody Is Somebody’s Fool“ oder „The Masquerade Is Over“. Gleichzeitig wurde er von der Plattenindustrie stiefmütterlich behandelt.

          Ein mit Ray Charles Anfang der sechziger Jahre eingespieltes Album wurde so schnell wieder vom Markt genommen, dass es bei seiner Wiederveröffentlichung 2002 fast als Neuerscheinung durchging. Da lag das glanzvolle Comeback von Jimmy Scott schon wieder zehn Jahre zurück. Der Sänger hatte sich in den siebziger Jahren verbittert aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und als Nachtportier gearbeitet. Es war Lou Reed, der ihn 1992 für sein Album „Magic & Loss“ als Background-Sänger verpflichtete und ihm die Aufmerksamkeit bescherte, die Scotts eigenes Album „All The Way“ so grandios erscheinen ließ.

          Als der Düsseldorfer Musikproduzent Ralf Kemper sich auf Scotts Spuren begab, war der Sänger schon wieder ein wenig in Vergessenheit geraten. Kempers Plan war es, Jimmy Scott noch einmal ein Album mit einem großen Budget zu spendieren. Doch erste Proben mit dem Sänger, der längst im Rollstuhl saß - zu sehen in dem Dokumentarfilm „I Go Back Home“ -, verliefen enttäuschend. „Ich war geschockt“, bekennt der Musikproduzent dort, „es war zu spät.“ Doch er gab nicht auf, und im Film ist jene mühevolle Reise mitzuerleben, die schließlich zu dem gleichnamigen Album führte, das jetzt postum erscheint, denn Jimmy Scott ist vor drei Jahren im Alter von 88 Jahren gestorben.

          Ein großes Orchester, eine Abmischung, die zum Teil vom großen, auch längst verstorbenen Musikproduzenten Phil Ramone vorgesehen wurde, und eine Abfolge von Gaststars und Musikern, die ihn mögen und verehren, sorgen für eine Atmosphäre, in der Jimmy Scott noch einmal alles gibt. Und natürlich sind es die großen Balladen, in denen seine engelsgleiche Stimme glänzt. Im einleitenden „Motherless Child“ klingt er erschütternd fragil, doch zusammen mit Renee Olstead gleitet er durch „Someone To Watch Over Me“ und mit Dee Dee Bridgewater leistet er sich kleine Späße in „For Once In My Life“. Ein ganzes Leben steckt in diesen Liedern, die von Weltklasse-Musikern wie dem Schlagzeuger Peter Erskine, dem Pianisten Kenny Barron oder den Trompetern Arturo Sandoval und Till Brönner behutsam in Szene gesetzt werden.

          Wenn ganz zum Schluss Jimmy Scott noch einmal „Poor Butterfly“ intoniert, dann weiß man, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat.

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