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Album der Woche: Klee : Du, ich möchte Dich heut noch sehn

  • -Aktualisiert am

Lässig: Suzie Kerstgens, Sängerin der Band Klee, nimmt es mit dem Treffen der Töne glücklicherweise nicht so genau. Bild: Picture-Alliance

So einfach, so gut: Die Band Klee singt auf ihrem Album „Hello Again“ deutsche Lieder im Rhythmus des Bossa Nova.

          2 Min.

          Rockmusik auf Deutsch, deutschsprachiger Jazz, ja sogar Folk und Country – das alles klingt heute ganz vertraut. Aber Bossa Nova? Da denkt man höchstens an gewisse Tanzorchester von Schlagerstars und an so manche schrecklich misslungene Anverwandlung dieses südamerikanischen Musikstils. Zum Bossa passt einfach kein Tremologesang.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Begriffen hatte das vielleicht schon Hildegard Knef, aber sehr viel Bossa hat sie mit ihrer eigentlich perfekt dafür geeigneten Stimme leider nicht gesungen.

          Bossa-Abspeckkur für Schlager

          Das Grundgefühl des Bossa, die entspannte Beiläufigkeit, hat erst die jüngere deutschsprachige Popmusik für sich entdeckt, und selten wurden daraus Mainstream-Erfolge. Dabei gibt es sehr gelungene Bossa-Alben, etwa Michel van Dykes schlicht „Bossa Nova“ betiteltes (2004) mit dem großartigen Song „Regenwahrscheinlichkeit 100%“. Auch Gruppen wie Zweiraumwohnung oder Erdmöbel spielen geschickt und elegant mit Bossa-Einflüssen.

          Wie um zu zeigen, dass jetzt das Bossagefühl endlich richtig angekommen ist in unseren Breiten, hat sich nun die Kölner Band Klee einiger großtremolierender Schlager angenommen und sie einer radikalen Bossa-Abspeckkur unterzogen. Wie der Albumtitel „Hello Again„ verrät, hat man keine Scheu vor Howard Carpendale, mit von der Partie sind auch Udo Jürgens und sein Lied „Immer wieder geht die Sonne auf“ und sogar die Münchner Freiheit.

          Doch aus bombastischen Bläsersätzen und Synthie-Orgeleien werden hier spärlich gezupfte Gitarrenmotive, aus crescendierenden Refrains das ewige Gleichmaß der Lautstärke und des Rhythmus, wie es den Bossa seit den Tagen von Antonio Carlos Jobim und Astrud Gilberto beherrscht.

          „Wir waren glücklich, denn Du warst hier“: Wenn Suzie Kerstgens solche Zeilen singt, klingen sie gar nicht mehr so übergewichtig, sondern wie vom Sommerwind vorbeigeweht. Den hohen Ton bei „Immer, immer wieder geht die Sonne auf“ verpasst sie regelmäßig ganz knapp, wie um zu sagen: Man muss sich gar nicht so anstrengen, die Sonne geht auch so wieder auf. Das hat eine große Lässigkeit.

          Zur Bossa-Beiläufigkeit passt natürlich auch die Geschichte, dass Kerstgens und ihr Kompagnon Sten Servaes eigentlich im Studio an einem ganz anderen Album arbeiteten, nur nebenbei streiften sie dabei diesen Stil und beschlossen kurzerhand, in ihm ein eigenes ganzes Album aufzunehmen.

          Einen Freischuss sozusagen, zur Feier des Sommers. Aber nicht zufällig erscheint der wohl erst jetzt, wo der Sommer schon einen Knick hat und das Licht schon wieder anders zu fallen beginnt. Auch dieses Gefühl ist wohl nirgends besser aufgehoben als im Bossa, und es spukt durch manchen der anderen Klassiker, die Klee sich hier anverwandeln, darunter auch Gilbert Bécauds „Nathalie“ oder Udo Lindenbergs „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“. Dabei vertreiben sie auch manche schreckliche inzwischen aufgenommene Coverversion dieser Songs wieder aus dem Gedächtnis oder zeigen sogar, dass vielleicht schon das Original als Bossa besser geklungen hätte, etwa „Über den Wolken“ von Reinhard Mey – wie nebenbei.

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