https://www.faz.net/-gsd-82xs7

Album der Woche: Tocotronic : Wenn Parzival mit Kirschbomben schmeißt

  • -Aktualisiert am

Haben sich zu einer lupenreinen Artpop-Band gemausert: Tocotronic im neuen Dandy-Look Bild: Universal Music

Ihr neues Album schielt auf den Pop-Olymp, die gleichzeitig erscheinende Bandchronik eher auf die Schillerhöhe: Bei Tocotronic gibt es offenbar schon jetzt ein ausgeprägtes Nachlassbewusstsein.

          4 Min.

          Um die Ästhetik der deutschen Rockband Tocotronic auf einen Begriff zu bringen, böte sich die vom Soziologen Thorstein Veblen geprägte „conspicuous consumption“ an – man kann sie etwa mit „Geltungskonsum“ oder gar „demonstrative Verschwendung“ übersetzen. Das mag für einige überraschend klingen, die in Tocotronic eine system- und kapitalismuskritische Band sehen, ist aber hier nicht in Bezug auf ihre einst gepflegte Trainingsjacken-Mode oder überhaupt auf Materielles gemeint, sondern in Bezug auf die Lyrik Dirk von Lowtzows: Seit dem ersten Album von 1995 ist sie in einen dichtbestickten Patchwork-Stoff mehr oder weniger deutlicher Zitate aus einem breiten wissenschaftlich-künstlerischen Bildungskanon gekleidet.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist ja bei Bands der Hamburger Schule (siehe Blumfeld) nicht überraschend. Waren es bei den frühen Tocotronic allerdings noch eher die kokett anverwandelten Philosopheme Hegels oder Wittgensteins – „Worüber man nicht singen kann, darüber muss man schweigen“, sang Lowtzow 1996 –, hat sich das Interesse offenbar Richtung Literatur und Film verschoben. Bei seinem Nebenprojekt Phantom/Ghost, wo Lowtzow in radebrechendem Englisch singt, sind Liedtitel etwa von Alfred Lord Tennyson geliehen; seit dem sogenannten „Weißen Album“ (2002) scheint Tocotronic immer stärker von Dandyismus und Dekadenz geprägt („Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“).

          Inzwischen ist Lowtzow offenbar bei der ganz großen Oper angelangt: „Darling Candy Parzifal / Trinkst Cherry-Cola aus dem Gral / Mit spitzen Fingern (Nagellack) / Du bist ganz sicher / Too krank to fuck“, heißt es im Lied „Zucker“ auf dem just erschienenen sogenannten „Roten Album“ der Band. Dessen Farbgebung deutet neben erneutem Beatles-Bezug auch plakativ auf Liebe und Revolution hin. Nicht nur auf Wagneropern, sondern wohl auch auf den Film „Blade Runner“ spielt das Lied „Spiralen“ mit seinen „sterbenden Raketen / nahe dem Tannhäuser Tor“ an. Und im frühlingsromantischen Schlusslied der Platte namens „Wiesengrund“, bei dem sich der Dichter leicht narzissmusverdächtig im Bächlein spiegelt („Ich hab ein Date mit Dirk, ich will wissen, ob er mich noch mag“), haben andere Interpreten bereits Theodor Wiesengrund Adorno durchzwitschern gehört. Dafür gibt der Text zwar sonst keine allzu deutlichen Zeichen, aber man ist wohl bei Lowtzow schon fast auf solche Anspielungen konditioniert.

          Interessant ist, dass die Band mittlerweile auch musikalische Stile wie Kleider anprobiert: So deutlich im Zitat musiziert wie auf dem neuen Werk hat sie bislang noch nie. Da gibt es Passagen, die direkt aus den englischen achtziger Jahren von The Cure, The Smiths oder sogar den Pet Shop Boys importiert klingen, bei dem Autofahrer-Nachtlied „Chaos“ hingegen ist es der treibende Sound von Billy Idols „White Wedding“. Der Text wiederum scheint hier inspiriert von Roy Orbisons „I Drove All Night“: „Ich bin die ganze Nacht gefahren / Um dein Gesicht noch mal zu sehen.“

          Diplomarbeit über Empfindlichkeit

          Man wird noch viele weitere Flicken in diesem Patchwork finden, aber muss auch zugeben, dass das Kleid perfekt genäht ist (der Produzent heißt treffenderweise Moses Schneider) und ziemlich beeindruckend aussieht: Der postmoderne Königsmantel ist ein Quilt, und Tocotronic, die inzwischen ohnehin nicht mehr wie eine deutsche Independent-Rockband, sondern eher wie eine New Yorker Art-Pop-Gruppe aussehen, tragen ihn wohl auch mit einem gewissen Augenzwinkern. Dass hofft man jedenfalls, wenn sie Synthesizer-Trompeten und handclaps einsetzen und wenn Lowtzow Zeilen wie diese singt: „Du schreibst, du lerntest deinen Hass zu tanzen / In der Schule der Extravaganzen / Und du schriebest die Diplomarbeit / Über Empfindlichkeit.“ Allemal klar ist: So weit vom Gitarrenrock hat sich die Band bislang noch nie entfernt, sie experimentiert hier mit Klängen zwischen Neuer Deutscher Welle, Dancefloor und Darkwave.

          Weitere Themen

          Nenn mich Lucky Luke

          Haiytis Album „Sui Sui“ : Nenn mich Lucky Luke

          Die Hiphop-Künstlerin Haiyti spielt mit den Klischees des Genres. Ihr neues Album „Sui Sui“ ist düsterer und eindringlicher als alles zuvor von ihr Gehörte.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.