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Album der Woche: Gwen Stefani : Als die Vengaboys mal einen schlechten Tag hatten

Gwen Stefani hat sich seit „No Doubt“-Zeiten äußerlich kaum verändert – drei Kinder hin oder her. Bild: Universal Music

Mit der flammenden Anklage „Don’t Speak“ wurde Gwen Stefani bekannt. Einundzwanzig Jahre später verwandelt sie wieder Herzeleid in ein Album – doch auf „This Is What the Truth Feels Like“ fehlt etwas ganz Entscheidendes.

          Liebeskummer ist so ziemlich das Langweiligste, was einem Menschen widerfahren kann. Man weiß genau, was die nächste Zeit bereithält (Tränen bei der „Merci“-Werbung, Tagträume in den unpassendsten Momenten, zahlreiche Besuche der „Wer will mich haben?“-Website des örtlichen Tierheims). Man weiß, dass das eine Weile so bleibt und dass das Beste, worauf man hoffen darf, nicht Glück ist, sondern nur das Ende des Unglücks. Geht’s noch fader? Dieses Phänomen ist allerdings nur ausgleichende Gerechtigkeit, denn im Zustand der Verliebtheit ist man fast genauso langweilig, merkt das aber selbst nicht – die Freunde merken es dafür umso deutlicher. Liebeskummer hingegen ist für die Freunde viel spannender: Er beschert ihnen jemanden, den sie jederzeit trösten und zu abenteuerlichen neuen Partnerbörsen überreden können.

          Manchmal geht aus Liebeskummer auch große Kunst hervor. Dann haben nicht nur die Freunde was davon, sondern alle, die etwa „21“ von Adele kauften, also wirklich sehr viele. Das im vergangenen Jahr mit einem Grammy gekrönte Album „In the Lonely Hour“ von Sam Smith und einige der besten Songs von Lily Allen haben wir ebenfalls einer unerfüllten Liebe zu verdanken. Und Gwen Stefani erschien 1995 mit ihrem Album „Tragic Kingdom“ voller geballtem Schmerz erstmals auf der Bildfläche. Damals taugte der Liebeskummer immerhin als Inspiration; die Single „Don’t Speak“ ist bis heute ihr größter Erfolg. Diesmal, auf ihrem neuen Album „This Is What The Truth Feels Like“, hat sie die Trennung von ihrem Mann Gavin Rossdale musikalisch verarbeitet.

          Gwen Stefani: „This Is What the Truth Feels Like“

          Die gute Nachricht: Gwen Stefani ist inzwischen mit dem Country-Sänger Blake Shelton zusammen, hat das Schlimmste also offenbar hinter sich. Die schlechte Nachricht: Das bringt den Hörern ihrer Platte nicht viel, die sich durch ein klebriges, poppig-bunte akustisches Bällebad kämpfen müssen. Schon das erste Lied, „Misery“, klingt, als hätten die Vengaboys einfach nur einen etwas schlechten Tag gehabt. „You’re My Favorite“ besticht mit einem blubbernden Glockenspiel, das etwa mit 140 bpm abgespielter Wellnesstempeluntermalung entspricht. In „Truth“ wird es pathetisch, sofort wünscht man sich die Vengaboys-Nummer zurück.


          © Universal Music Gwen Stefani: „Used to Love You“

          Nach der Hälfte des Albums lässt sich erkennen, was da eigentlich fehlt: die Wut. Denn „Red Flag“ klingt endlich wieder nach der „Hollaback Girl“-Stefani. Sie rappt mit höhnischem Tonfall über einem drohenden Geknurre, und der Chorus brüllt: „You know how to screw it up, up, up, up, up!“ Es ist verblüffend, wie viel besser das zu ihr passt. Leider ruiniert sie diese Attitüde noch im selben Song wieder mit Übergängen im Jammerton, aber hier lässt sich wenigstens erkennen, wozu sie fähig gewesen wäre. In der Vorwurfs-Hymne „Naughty“ ist sie ebenfalls nah dran, fällt aber zwischenzeitlich auf eine seltsam laszive Art aus ihrem überaus attraktiven Power-Hass.


          © Universal Music Gwen Stefani: „Make Me Like You“

          Gwen Stefani selbst scheint übrigens hochzufrieden zu sein mit ihrem Album. In einem Interview mit dem Online-Magazin Refinery29 berichtete sie, ihre Plattenfirma habe ihr während des Songwritings gesagt, die Stücke sollten weniger persönlich sein, sonst wolle das keiner hören. „And I was like, ‚Are you kidding me? I’m literally channeling God here‘.“ Als nächstes habe sie ihren Songwriter-Kollegen gesagt, nun würden sie genau das Album schreiben, das keiner hören wolle.

          Und so kam es dann auch.

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