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Album der Woche : Try to be Mensch

  • -Aktualisiert am

Sommer, Sonne, Kaktus? Nicht ganz: Die Glass Animals Bild: Caroline

Mit „How To Be A Human Being“ wagen die Glass Animals ein poppiges Konzeptalbum. Es beruht auf sonderbaren Geschichten, die der Sänger anderen Leuten heimlich abgelauscht hat.

          3 Min.

          Elf Songs hat das Album der Glass Animals und elf Figuren sind auf dem Cover zu sehen: Da ist ein schmieriger Gigolo in Goldkettchen und Speedo, eine übergewichtige alte Dame mit Gehhilfe und ein junger Mann in voller Sportmontur mit balancierendem Basketball auf dem Zeigefinger. Auch die restlichen acht Figuren des Albumcovers sehen aus, als seien sie unmittelbar einem Hollywoodfilm entstiegen. Es wirkt so, als sei ein Protagonist, ob nun in „Napoleon Dynamite“ oder „Little Miss Sunshine“.

          Mit „How To Be A Human Being“ ist den Glass Animals ein bildmächtiges Konzeptalbum gelungen, bei dem jeder Song für sich stehen kann. Beinahe vergisst man, dass es sich um einfache Popmusik handelt. Viel mehr wirkt es, als sei die Musik der Soundtrack eines im Kopf ablaufenden Filmes. Dabei war das Vorgängeralbum viel unaufdringlicher. Eine Mischung aus Trip-Hop und Rock, sind die Glass Animals auf „Zaba“ langsam, lasziv und düster. Vergleiche mit Alt-J und den Wild Beasts drängen sich auf. Der Sound klingt, als käme er direkt aus einem bedrohlichen Dschungel, hier und da hört man eine Marimba. Inhaltlich basiert das Album auf dem Stoff der Kindergeschichte „The Zabajaba Jungle“ von William Steig – weniger konkret, eher assoziativ. „Zaba“ ist ganz so, als würde eine Schlange ein Liedchen trällern: Verführerisch wummernd und bedrohlich eindringlich. Der dichte Klangteppich verströmt einen Duft von tropischer Feuchtigkeit, Erde und wilden Pflanzen.

          Album der Woche : Glass Animals: "Life Itself"

          „How To Be A Human Being“ riecht nun eher nach Benzin und Highway, billigen Motels und dem laschen Kaffee amerikanischer Diners. Die Ideen für die Songtexte hat Sänger Dave Bayley auf Tour gesammelt. Nachdem das Debütalbum „Zaba“ sehr erfolgreich war, tourte die Band mehrere Jahre um die Welt. Sie wachte jeden Morgen in einer fremden Stadt auf, inmitten von Menschen und den Geschichten, die sie mit sich herumtragen. So vertraute manch einer von ihnen, unter dem Deckmantel der Anonymität kurzweiliger Begegnungen, dem Sänger Bayley seine abstruseste Geschichten an, in dem Glauben, man werde sich nie wieder begegnen. Doch Bayley nahm diese Anekdoten klammheimlich auf Tonband auf. Von ihnen ließ er sich zu seinen elf Protagonisten und ihren Geschichten inspirieren. Verkörpert werden sie auf dem Cover von Schauspielern, die auch in den Musikvideos vorkommen. Klar zuordnen kann man sie den Figuren aus den Songtexten jedoch nicht. Es bleibt genug Raum, damit die eigene Phantasie zum Zug kommt. Bayley gibt in Interviews gerne eine Anekdote von einem Taxifahrer preis, der ihm von seinem Doppeldate erzählte. Als er mit seiner Verabredung und dem anderen Pärchen in einem Auto saß, hielt ein Passant an und schoss ohne Vorwarnung auf das Pärchen auf den Vordersitzen. Als er dann die Pistole auf den Taxifahrer und seine Begleitung richtete, war das Magazin leer.

          Album der Woche : Glass Animals: "Youth"

          Die Songs sind also nicht so locker-flockig, wie sie auf den ersten Höreindruck scheinen. Da ist im Song „Season 2 Episode 3“ zum Beispiel die junge Frau, die den ganzen Tag nur auf dem Sofa vor dem Fernseher versumpft, kifft und Mayonnaise aus dem Glas löffelt. Dabei schaut sie entweder Serien oder spielt Nintendo. Das Musikvideo selbst erinnert an eine Serie. Das Gezeigte wiederholt sich immer und immer wieder, episodenhaft bis in die Unendlichkeit geloopt. Musikalisch ist der Song an die minimalistische Soundästhetik der 8-Bit-Musik eines „Super Mario“ angelehnt. Im Refrain löst sich der minimalistische Klang in einem opulenten Chor aus Bayleys Falsett-Gesang auf.

          „How To Be A Human Being“ ist viel poppiger als sein Vorgänger. Ganz klar hört man, dass Bayley vom Hip-Hop beeinflusst ist. Nur selten erinnert das Oxforder Quartett daran, dass es eigentlich eine Rockband ist, so sehr groovt und funkelt es. Samples werden dabei nur vorsichtig eingesetzt. Wie zum Beispiel bei „Mama’s Gun“. Der Song ist ein Einblick in die düstere Gedankenwelt eines Menschen mit pschychischen Problemen. Er oder sie ist im Besitz einer Waffe und kann sich nicht recht erinnern, ob jemand zu Schaden gekommen ist. Der Sound wird geprägt von der geloopten Flöte aus dem Song „Mr. Guder“ von den Carpenters. Der geheimnisvolle Ruf einer Eule und ein unheilvoll im Hintergrund ertönender Chor lassen Schlimmes erahnen. Doch die Geschichten haben offene Enden und bleiben im Vagen. So glatt und poppig das Album produziert ist, lässt es doch immer wieder in dunkle Abgründe blicken.

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