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Album der Woche : Vor Fieber und Schüttelfrost sei gewarnt

  • -Aktualisiert am

Respektsperson des Blues: John Lee Hooker 1990 in Montreux Bild: dpa

Seine Musik war von einer fast schamlosen Körperlichkeit: Das klingende Testament von John Lee Hooker ist auf einem großen Box-Set zur Ehren des Bluesmeisters zu hören, der in diesem Jahr hundert geworden wäre.

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          Weil er von seinen eigenen Songs oft so angerührt war, dass ihm während eines Konzerts schon mal die Tränen kamen, trug er gern schwarze Sonnenbrillen, um die Peinlichkeit zu kaschieren. In der Musik von John Lee Hooker (1917 bis 2001) gibt es kein Versteckspiel und keine Maskierungen. Nicht nur für Carlos Santana verkörpert er „die nackte Seele“. Die elementare Rohheit seines Gitarrenspiels, oft nur ein kryptischer Akkord, den er aber dem Instrument geradezu entreißt, um ihn mit grobem Kies aufzufüllen, dazu eine Stimme, die von einem Ort zu stammen scheint, der erst noch ausgegraben werden muss, und ein stoischer stampfender Fuß als Taktgeber: Hookers störrischer Primitivismus unterscheidet ihn von allen anderen Pionieren des Delta-Blues. Oder wie Tom Petty es ausdrückte: „Wenn ich ihn höre, bekomme ich Fieber und Schüttelfrost.“

          Anlässlich seines einhundertsten Geburtstags ist jetzt unter dem Titel „King Of The Boogie“ ein Box-Set mit einhundert Songs auf fünf CDs erschienen. Dabei kann selbst diese skrupulös zusammengestellte Auswahl bei mehr als einhundert eingespielten Alben nur an der Oberfläche des „Hooker-Planeten“ kratzen. Gleichwohl destilliert die Sammlung das Wesentliche aus dem überreichen Werk des unbeugsamen Blues-Schamanen heraus. Sie beginnt mit Hookers Debüt, jener staubtrockenen Solo-Einspielung von „Boogie Chillen’“ aus dem Jahr 1948, und endet mit einer elektrifizierten Version dieses Hooker-Klassikers im ruppigen Zusammenspiel mit Eric Clapton. Dazwischen dokumentieren längst vergriffene, auf zahllose Label verstreute Songs, Raritäten, unveröffentlichte Live- und Studioaufnahmen Hookers Konversion vom akustischen Folk-Blues zu elektrifizierten Boogie-Rhythmen.

          Auf welchen musikalischen Übervater können sich Rockstars wie Mick Jagger, Keith Richards, Eric Clapton, Jimmy Page, Warren Haynes oder Van Morrison mühelos einigen? Mit seiner archaisch anmutenden Spielweise, dem rohen, dann wieder unglaublich zärtlichen Zugriff auf die Saiten und einem lakonischen Gesangsstil verkörperte Hooker für sie alle das unerreichbare Ideal umwegloser Authentizität. Nicht zufällig wurde sein Hit „Boom Boom“ von 1961 von englischen und amerikanischen Bands fast zu Tode gerockt. Unter den fünf unveröffentlichten Live-Aufnahmen der Hooker-Band aus Berlin im Jahr 1983 findet sich auch eine explosive „Boom Boom“-Version, die alle Tugenden der Hooker-Band vereinigt: Gefährlich glitzernde Gitarrenlicks konkurrieren mit dem knurrigen Timbre der Stimme, ein beiläufiger Sprechgesang steigert sich zu melodischem Wimmern und Stöhnen. Es ist diese fast schamlose Körperlichkeit seiner Musik, die schon Bonnie Raitt zu der Bemerkung veranlasste, Hookers Sound sei schlicht „das Erotischste, was ich je gehört habe“.

          Er überdehnte den Post-War-Blues, seine Harmonien und Rhythmen bis zum Äußersten (was stockenden Stillstand, aber auch plötzliche Beschleunigung einschloss), ohne ihn je zu zerstören, brach ihn gern auf sein klapperndes Knochengerüst herunter und konnte allein mit seiner Gitarre die rhythmische Energie einer ganzen Band erzeugen. Dies ist vor allem auf den ersten drei Scheiben des Box-Sets deutlich zu hören, da hier die unglaubliche Intimität seiner Darbietungen spürbar wird. Mit düsterer Stimme und bisweilen raubtierhafter Phrasierung singt er von oft verheerenden Überschwemmungen im Mississippi-Delta („Tupelo Blues“) oder klagt anhaltenden Rassismus in Songs wie „Birmingham Blues“ oder „The Motor City Is Burning“ an.

          Die vierte Platte enthält ausschließlich Live-Aufnahmen – von rauflustigen Rhythmen getrieben, dabei immer eine eiserne Kompetenz ausstrahlend. Wie in den informativen Liner-Notes des Blues-Historikers Jas Obrecht nachzulesen ist, war Hooker stolz darauf, zeitlebens nie in eine Schlägerei verwickelt worden zu sein. Trotzdem ist sein Bekenntnis „I’m Bad Like Jesse James“ – von der Muddy-Waters-Band begleitet – sicherlich das furchteinflößendste Stück der Song-Sammlung, aufgenommen 1966 im Café Au Go-Go, New York. Hookers Bekenntnis „It Serves Me Right To Suffer“ atmet dagegen mit seinen raunenden Repetitionen pure Verzweiflung. Dabei war seine Musik alles andere als todtraurig oder wie B. B. King bekannte: „Sie klang für mich immer wie die Aufforderung: ,Steh auf und hol’s dir!‘“

          Es dürfte diese ungezähmte Entschlossenheit sein, welche ihn schon in den Sechzigern für die bluesbesessene Rockszene Großbritanniens und Amerikas so attraktiv machte. Mehr als dreißig Jahre später verhalfen ihm die Jünger von einst mit dem Album „The Healer“ zu einem spektakulären Comeback: Wieder einmal scheint Hooker hier transzendente Quellen anzuzapfen – so beschwörend jenseitig klingt hier sein aschfahler Gesang. Die fünfte CD ist deshalb den Kollaborationen mit Freunden und Verehrern gewidmet. Auch wenn Duette mit Joe Cocker oder Los Lobos nichts für Blues-Puristen sind, demonstrieren diese Aufnahmen doch den tiefen Respekt vor Hookers Musik. Längst gehören sein rhythmischer Drive und seine lyrische Erfindungsgabe zur DNA zeitgenössischer Rockmusik. John Lee Hooker – das macht die neue Kollektion überdeutlich – kann noch heute den Hörer mit ein, zwei Noten zu Tode erschrecken und gleichzeitig glücklich machen.

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