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Album der Woche : Hymnen und Häme für die Generation Tinder

Wir brauchen Liebe, also bringt uns einen Fotografen: Franz Ferdinand im Jahr 2018 Bild: David Edwards

Ach, die gibt es noch? Franz Ferdinand, die Indie-Rockband aus Glasgow, schwebt mit dem Album „Always Ascending“ wieder ein: im Leopardenjackett, mit Sneakers und Musik zwischen Tanz und Trance.

          Bei diesen Musikern war es immer leicht, sich vorzustellen, wie sie an ihren Songs feilten, in einem vollgestellten Proberaum in Glasgow oder später im Londoner Studio. Wie sie, high von (unter anderem) ihren neuesten Ideen, in ihren Karottenhosen auf Ledersesseln herumlungerten und beim Einspielen der schrägen Riffs, die später unverkennbar als die ihrigen in Erinnerung bleiben würden,  ihren Spaß hatten. Jetzt also, nachdem sie doch noch fast in Vergessenheit geraten wären, nachdem auf die Erwähnung ihres Namens zuletzt ein „Ach, die gibt es noch?“ folgte, schweben sie wieder ein, mit Leopardenjackett und Sneakers im Grenzbereich zwischen Tanz und Trance und der dazugehörigen überdrehten Musik: „Always Ascending“.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Neugier auf dieses fünfte Album war groß, weil seit 2013 wenig von Franz Ferdinand zu hören war, zu wenig zumindest, als dass es für keinen Smalltalk ausgereicht hätte. 2016 hatte dann noch Nick McCarthy, Gitarrist und Gründungsmitglied, die Band verlassen. Teil der neuen, erweiterten Besetzung wurden der Keyboarder Julian Corrie und der Gitarrist Dino Bardot. Alex Kapranos, Gesicht und Stimme Franz Ferdinands, blieb dabei. Er trägt inzwischen wasserstoffblonde Haare, aber der exzentrische Charakter, den er für seine öffentlichen Auftritte pflegt, ist noch der Alte.

          Autodiebstähle und Drogenerfahrungen

          Im selben Jahr wie The Kooks und zwei Jahre nach den Arctic Monkeys gründeten Kapranos, der in Deutschland aufgewachsene McCarthy und der Bassist Robert Hardy 2004 inmitten einer Postpunk- Britrock-Welle im schottischen Glasgow Franz Ferdinand. Sie präsentierten sich kühler, ironischer und skrupelloser als ihre Konkurrenz, umgaben sich mit Anekdoten und Gerüchten über Autodiebstähle und Drogenerfahrungen, und ihr erstes Album, eine tanzbare Mischung aus Synthie-Disko und handfestem Punkrock, wurde ein riesiger Erfolg. Dass man ihnen später attestierte, sie hätten den Indierock mitbegründet, beschäftigte sie nicht weiter. Für den Durchbruch waren alle Mittel recht.

          Es lief so lange gut, bis sich die Europäer am Britrock des neuen Jahrtausends sattgehört hatten. Bands wie „Hot Chip“, zu denen es sich sogar noch besser tanzen ließ, boten sich als Erneuerer an. Franz Ferdinand ließen sich Zeit und beschlossen dann, bei dem zu bleiben, was sie konnten. Sie veröffentlichten noch zwei Alben, für die sie mehr mit elektronischen Elementen experimentierten, die sonst aber eher einfallslos klangen. Die Zeiten der provokant-oberflächlichen Ohrwürmer waren vorbei.

          Illusion des ewigen Steigens

          Nun hätte sich mit der Neubesetzung etwas grundlegend Neues im Stil der Band bemerkbar machen können. So ist es aber nicht. Genauso wenig ließe sich sagen, dass Franz Ferdinand mit „Always Ascending“ zu ihrem Gründungsgedanken zurückkehren. Dafür haben sie sich nie weit genug von ihm entfernt. Worum geht es ihnen dann?

          Vier Takte reichen, um sie wieder zu erkennen: Kapranos' spottender Bariton, der starre Schlagzeugbeat, die seltsam nichtssagenden, aber kraftvollen Instrumentalpassagen. Wieder sind es Songs zum Tanzen, dafür hat nicht nur die stellenweise chaotisch wirkende Tonsprache, sondern auch die Zusammenarbeit mit dem französischen House-Produzenten Philippe Zdar gesorgt. Titel und Name des ersten Songs nehmen Bezug auf die Shepard-Skala, eine scheinbar unendlich ansteigende Tonleiter, die niemals an die Grenze des eigenen Hörens stößt: eine Illusion, wie sie gut in den Franz Ferdinand-Kosmos passt.

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