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Album der Woche : Soul im Vibrationsmodus

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Phone Down“ Bild: AP

Erykah Badus Soulstimme hatte man schon vermisst. Jetzt hat die Sängerin plötzlich ein Mixtape über das Telefonieren aufgenommen, auf dem sie ganz neue Klingeltöne ausprobiert.

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          Trotz der Expansion des Telefonierens in den öffentlichen Raum sind wir überraschter denn je, wenn wir einen Anruf bekommen, ja, wir brechen beinahe in Panik aus – was kann denn so wichtig sein, dass es sich nicht via Facebook oder Messenger klären ließe? Ebenso unerwartet wie ein Anruf auf das eigene Gerät kam das neue Mixtape von Erykah Badu. Ohne Ankündigung oder Marketingmaschinerie warf sie es nach vier Jahren Funkstille ins Netz.

          Die elf Songs drehen sich ausnahmslos um das Telefonieren. Die thematische Konsequenz wird jedoch nicht einfältig, vielmehr gibt Badu sich musikalisch vielfältiger denn je. Einst als Soulsängerin und Begründerin des Genres Neo-Soul gefeiert, überzeugt sie mittlerweile auch als Hiphop-Künstlerin und Pop-Ikone – und das, obwohl sie ihren eindrucksvoll ausladenden Afro gegen Zylinder, Flechtzöpfe und Schulmädchenbrille eingetauscht hat.

          Der Titelsong „But U Cain't Use My Phone“ ist eine Anspielung auf die letzte Zeile aus „Tyrone“, einem der Hits vom Live-Album der Sängerin und Schauspielerin. Ein ganzes Album an diesen Song von 1997 anzuschließen, in dem sie einen unflätigen Typen hinauswirft, könnte als Versuch gelesen werden, ebenso unmittelbar an ihre Hochphase als First Lady des Black Soul anzuknüpfen. Glücklicherweise ist das Mixtape keineswegs nostalgisch geraten, auch wenn hin und wieder ein recht anachronistisches Bild der Telefonie gezeichnet wird. So verbinden immer wiederkehrende Freizeichen, Warteschleifen und Klingeltöne die elf Lieder, als würden wir noch immer Wählscheibentelefone nutzen oder bei Jamba einkaufen. Immerhin wird sich die Vierundvierzigjährige noch daran erinnern, wie eine Wählscheibe zu bedienen ist, ganz im Gegensatz zur 1990 geborenen Adele, die im Video für ihren Song „Hello“ mit dem knochig-schweren Hörer eines analogen Telefons hantiert.

          Badus letzter Song heißt auch „Hello“, ist aber kein Adele-Cover, sondern eine Ballade, auf der Erykah Badu großartig von ihrem einstigen Ehemann, dem Outkast-Rapper André 3000 begleitet wird. Ein gelungenes Cover hat Erykah Badu mit „Cel U Lar Device“ auch aufgenommen, das um Längen besser ist als die Grundlage „Hotline Bling“ des kanadischen Rappers Drake.

          Vor ihrem Debütalbum „Baduizm“ machte Erica Abi Wright, so Badus bürgerlicher Name, Musik gemeinsam mit ihrem Cousin als Erykah Free. Weil es das Label so wollte, ließ sie sich dann aber als Solo-Künstlerin vermarkten. Schon die Songs „Appletree“ und „On & On“ bewiesen damals, dass das kein Fehler war. Jetzt, 18 Jahre später, ist Erykah Badu noch immer einzigartig, auch wenn ihre Beats elektronischer klingen und sie ihre großartige Stimme via Autotune gelegentlich so stark pitcht, dass sie fast wie ein Cyborg klingt. Und dennoch sind Stimmgewalt, Rap, Soul und Trap-Einflüsse auf diesem Album keineswegs falsch verbunden. Erykah Badu hat recht, wenn sie singt: „I Can Make You Put Your Phone Down“. Auf Wiederhören.

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