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Album der Woche : De Sade mit Zuckerguss

  • -Aktualisiert am

Aus der Zeit gefallen: Max Gruber alias Drangsal Bild: Caroline/Universal

Hardcore oder Kuschelrock? Der Musiker Drangsal kommt aus der Pfalz, klingt aber nach Manchester. Mit seinem Debütalbum „Hariescheim“ ist ihm eine erstaunliche Zeitreise in die Achtziger gelungen.

          2 Min.

          Ein Wolpertinger ist ein Mischwesen. Sein Ursprung ist unklar. Geweih, Flügel, Reißzähne: Immer setzt es sich aus anderen Tieren zusammen. Der Musiker Drangsal kann sich damit identifizieren. Der letzte Song auf seinem Debütalbum heißt so. „I am young and I am old/ I am silver I am gold/ I do what I am told/ Let me be like you.“ Sein Album klingt als sei Drangsal, mit bürgerlichem Namen Max Gruber, durch und durch ein Kind der Achtziger, Sternzeichen Robert Smith, Aszendent Ian Curtis. Dabei ist der junge Musiker erst 22 Jahre alt, also haarscharf vorbei. Allein mit elterlichen Kassetten und dem Internet hat er seine Neugierde genährt.

          „Hariescheim“ ist der mittelalterliche Name Herxheims, einer pfälzischen Gemeinde in der Nähe von Landau – und nein, die hat eher weniger mit einem Manchester der Achtziger zu tun. Hier fanden sich die elterlichen Kassetten der Grubers. Auf Google Maps sieht man viel Braun und Grün: Felder, Einfamilienhäuser, ländliche Idylle. Hier heißen Läden „Rocco’s Pizza Express“, „Schuh-Hanss“ und „Gesund und vital“. Woher also der düstere New-Wave-Sound? Woher die Betonrührseligkeit eines Postpunks?

          Musikvideo : Drangsal: „Love Me Or Leave Me Alone“

          Die Synthesizerklänge kommen mit Schulterpolstern daher – kandiert und überdimensional. Ein grelles Saxophon flammt hier und da auf. Selbst die Basslines muten aus irgendeinem Grund an wie Zeitreisende. Unweigerlich drängen sich Bilder von geometrischen Formationen auf, von gegelten Haarprachten und pinken, stürmischen Schriftzügen. Auf dem Gesang liegt überbordender Hall, die Gesten sind überzeichnet. Trotz düsterem Gitarrengeschrammel handelt es sich hierbei um eingängige Popmusik. Gruber selbst nennt es liebevoll „Brachialpop“.

          Scheu vor Kitsch hat er nicht und fügt einen ordentlichen Schuss Morbidität hinzu. Beides steht ihm gut. Blitzartig lospreschende Gitarren erinnern in ihrer Heftigkeit an Metalcore, das Vorwurfsvolle in der Stimme an Emo-Musik. Hier laufen einige Fäden zusammen und fügen sich mit Leichtigkeit ineinander. Der Song „Sliced Bread #2“ wartet mit einem wunderbar massiven, industriellen Beat auf. Der wird arhythmisch gebrochen und mündet in kindliche Aufmüpfigkeit.

          Eher Kuschelrock als Hardcore

          Die Songs tragen teilweise wunderbar sperrige deutsche Titel: „Der Ingrimm“, „Hinterkaifeck“ oder „Moritzzwinger“. In Hinterkaifeck soll einst eine Familie auf brutalste Weise auf ihrem Bauernhof ermordet worden sein. Sie trug den Familiennamen Gruber: Inszenierung als wesentlicher Teil von Popmusik. Erzählt Gruber von musikalischen Vorbildern, nennt er vor allem Marilyn Manson. Früh will er Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ gelesen haben.

          Musikvideo : Drangsal: „ALLAN ALIGN“

          Seine Liebe zum Düsteren mutet dennoch unschuldig an, fast ungelenk. In seinem ersten Musikvideo zur Auskopplung von „Allan Align“ spielt Gruber einen Priester, der sich selbst geißelt. Vor dem Altar des schmächtigen, tätowierten Mannes steht plötzlich eine gealterte Jenny Elvers. Als gefallener Engel sucht sie nach Absolution, die ihr in Form eines keuschen Kusses erteilt wird. Die Hostien sehen aus wie Lakritze - also eher Kuschelrock als Hardcore. Lieber schaut man sich die falcoesque Unnahbarkeit im Gesicht des jungen Musikers an und ist gerührt von diesem forciert ernsten Blick, der an einen Gary Numan erinnert.

          Herausragend ist der Song „Will ich nur Dich“. Leider bleibt es der einzige auf Deutsch. „Ich hab den Kopf voller Pflastersteine / Weil du nie kapierst, was ich meine / Hab die Hosen voll gebroch'ner Beine / Wünsch mir insgeheim, es wären deine“.

          Das schwebt so zwischen Ton Steine Scherben und der Neuen Deutschen Welle, doch die Assoziationen bleiben im Vagen. Und das ist gut so. Der Charme des Songs wickelt einen um den Finger, wie es nur Postpunks auf Schwarzweiß-Aufnahmen können.

          „Hariescheim“ funktioniert. Es ist eine unheimliche Verdichtung, der Sound ist orchestral, teilweise hymnisch. Produziert hat Gruber das Album mit Markus Ganter. Der hat auch schon mit Tocotronic, Casper und Dagobert gearbeitet. Ein stimmiges, bisweilen erfrischend rotziges Werk ist das geworden, das trotz diverser Einflüsse sehr gut für sich allein stehen kann.

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