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Album der Woche: Ed Sheeran : Geteilte Liebe ist doppelte Liebe

Nach seiner Ruhepause stand Ed Sheeran bei den Grammys im Februar wieder auf der Bühne. Bild: AFP

Die Rechnung geht auf: Nach „+“ und „x“ veröffentlicht Ed Sheeran heute „÷“. Es ist ein Album voller Liebeserklärungen geworden – nicht nur an eine Frau.

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          Mädchen lernen recht früh, dass die meisten Popstars, die sie gern mal mit nach Hause bringen würden, von ihren Brüdern bestenfalls Verachtung bekämen, schlimmstenfalls Prügel. So ein Justin Bieber oder die Typen von One Direction, die zwei Stunden im Bad brauchen, aber ein Model nach dem anderen öffentlich abknutschen? Nicht auszudenken! Die dürfen sich nur als Poster an der Wand ins Haus trauen.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

          Aber dann ist da Ed Sheeran, sechsundzwanzig Jahre alt, aufgewachsen in einem 3000-Seelen-Nest in Suffolk. Er hat eine Gitarre, ein paar Tattoos und rote Haare, die eine eigene irische Rebellengruppe bilden. Derzeit datet er Cherry, eine Freundin aus Highschool-Zeiten. Ed Sheeran schreibt romantische Lieder und singt sie mit weicher Stimme. Deshalb mögen ihn die Mädchen. Aber wenn er sich wie im vergangenen Jahr eine Auftrittspause gönnt, nimmt er so zu, dass er nur noch Jogginghosen tragen kann, weil er Festivitäten und Bier und vor allem Festivitäten mit Bier einfach gut findet. Manchmal geht er dann besoffen auf den Golfplatz und haut dort versehentlich Justin Bieber den Schläger ins Gesicht. Deshalb mögen die Jungs ihn auch.

          Heute hat Ed Sheeran alle Lieder seiner neuen Platte „÷“, „Divide“, auf Youtube hochgeladen. Einfach so, da kann sie jetzt jeder hören, braucht sich das Album im Grunde also nicht zu kaufen. Sheeran kann sich das leisten: Die Leute kaufen es trotzdem. Insgesamt hat der Brite mehr als 22 Millionen Alben unters Volk gebracht, seine Konzerte im Wembley-Stadion waren ausverkauft, und 2016 bekam er den Grammy für den besten Song des Jahres. Im Januar besetzte er gleichzeitig die ersten zwei Plätze der deutschen Charts. Wie macht der Mann das?

          Mit Liebe. Ziemlich zuverlässig geht es bei Ed Sheerans Liedern um Liebe. Das war auch schon so bei besagtem besten Song des Jahres, „Thinking Out Loud“, einer ganz schlichten Liebeserklärung. 1,5 Milliarden Mal wurde sie bei Youtube angeschaut. Jawohl, Milliarden. Auf  „÷“ folgt Sheeran seinem Erfolgskonzept: ganz gefälliger Pop zu romantischen Texten, hier und da ein Ausreißer, damit es nicht langweilig wird.

          Einer dieser Ausreißer ist der Opener „Eraser“: Der Singer/Songwriter rappt, und zwar ordentlich, aber bescheiden: Er sei ja nicht Reverend Run (von Run-D.M.C.), heißt es in einer Zeile. Richtig, das wäre ohnehin schwer zu überhören gewesen. Solche Zeilen schreibt Sheeran überhaupt gern: „I guess if you were Lois Lane / I wasn’t superman, just a young boy trying to be loved”. Hey, ich bin der Junge von nebenan. Klar. Jeder war für irgendjemanden der Junge von nebenan.

          Unterhaltsam an „÷“ sind die lockeren Bezüge der Lieder aufeinander. Bei „Dive“ etwa geht es um seine Ängste bei Beginn einer neuen Beziehung: „Don’t call me Baby / Unless you mean it“. Eines dieser Lieder, bei denen die Musik nur dazu da ist, seinen Gesang zu akzentuieren – abgesehen von einem völlig überflüssigen Gitarrensolo. Im nächsten Song „Perfect“ wechselt die Perspektive, die Angebetete wird ermuntert: „Darling, just dive right in, and follow my lead“.

          Ein ähnlicher Zusammenhang besteht zwischen „Happier“ und „New Man“: Erst sieht er sieht seine Verflossene mit einem neuen Mann, sie sieht jetzt viel glücklicher aus als früher mit ihm. Trotzdem liebt er sie noch. Die Musik weint herzzerreißend im Hintergrund. Aber schon vier Minuten später ist klar: Der Neue ist ein Idiot, und eigentlich will sie doch immer noch ihn, schließlich ruft sie immer noch an.

          Das zweite große Thema ist Sheerans Liebe zu seinen Großeltern. „Supermarket Flowers“ handelt vom Tod seiner Großmutter. „Nancy Mulligan“ wiederum ist ein ganz altmodischer irischer Folksong über deren Heirat gegen den Widerstand beider Familien, zu dem man sofort in einer Kneipe den traditionellen Hornpipe tanzen müsste. Da funktioniert der musikalische Irland-Bezug bestens, während es in „Galway Girl“ fürchterlich schiefgeht: Sein Sprechgesang wechselt sich mit der irischen Fiddle ab. „She played the fiddle in an Irish band / But she fell in love with an English man”, das hüpft und schunkelt und bringt die Stile dann doch nicht richtig zusammen.

          Die afrikanischen Einflüsse hingegen stehen Ed Sheeran sehr gut. „Bibia Be Ye Ye“ etwa, geschrieben zusammen mit dem Ghanaer Musiker Fuse ODG – der Titel heißt in dessen Sprache Twi so viel wie „Alles wird gut“. Bei seiner enorm erfolgreichen Single „Shape of You“ bediente er sich eher südamerikanischer Einflüsse – mit Marimba-Sound. Dieses Lied hatte eine verblüffende Wirkung: Während die Strophe davon handelt, dass er mit seinen Freunden eher unglamourös in einer Bar Kurze trinkt und eine Frau kennenlernt, ist der Refrain ausgesprochen sexy geraten. Im Video verliebt er sich in der aufgeladenen Atmosphäre eines Boxstudios. Der Popkritiker Jeremy Gordon schrieb in „Spin“, Ed Sheeran überzeuge uns damit, dass er Sex habe: „Es ist ein Schlag, weil man sich Ed Sheeran nicht wirklich dabei vorstellen kann, wie er ‚put that body on me‘ zu einer Frau sagt.“ Das stimmt, deshalb wird er von den großen Brüdern ja nicht verprügelt.

          Viel eher kann man sich vorstellen, wie Ed Sheeran wieder nach Suffolk fährt und seine alten Freunde trifft. „Castle on the Hill“ handelt davon, fünfzehn Jahre alt zu sein und mit Freunden in der Provinz aufwachsen. Eigentlich ist es kein besonderer Song, sondern ein modernes „Summer of ’69“. Andererseits: Ein neues „Summer of ’69“ war wirklich verdammt dringend nötig. Das alte geht nicht mehr lang. Jetzt gibt es Ersatz.

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