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Album der Woche : Die Stimme unserer Gegenwart

Ihre frühere Plattenfirma wollte, dass sie wie Adele singt – da suchte Cat Power das Weite. Bild: Eliot Lee Hazel

Eine ähnliche Überlagerung von Trauer, Witz, Wärme und Sehnsucht findet man sonst nur bei Leonard Cohen: Cat Power veröffentlicht ihr neues Album „Wanderer“.

          Es war zu Beginn dieses Jahrtausends, als die New Economy gerade auf ihren Höhepunkt zuraste und die Märkte verrückte Saltos schlugen und Behauptungen und Gerüchte Zigmillionen wert waren – es war zu dieser Zeit, als in den amerikanischen Radios plötzlich immer wieder ein Song gespielt wurde, der zur durchgedrehten Euphorie der letzten Tage des Booms so gar nicht passte. Man hörte nur eine leicht angerauhte, warme Stimme, die aus der Tiefe eines leeren Raums zu kommen schien, eine vorsichtig eingesetzte Gitarre.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Stimme schien sich an niemanden zu richten, sie klang eher wie ein Selbstgespräch. „I’m watching my TV and man comes on and tells me how white my shirts can be“, sang die Stimme – ein Text, der einem seltsam bekannt vorkam: Was man da hörte (aber das merkte man erst nach einer Minute, weil wirklich alles weggelassen war, was den Song ausmachte), war die bis auf die Knochen des Texts reduzierte Version des Rolling-Stones-Krachers „Satisfaction“.

          Die Sängerin ließ alles weg, sogar den Refrain, so dass Mick Jaggers Text über die vom Konsum Getriebenen mit ihren Zigaretten und Männlichkeitsbildern wie ein melancholisches Gedicht völlig unabgesichert im Raum hing, nur getragen von dieser Stimme, deren warme, von einem leichten Staub überwehte Dunkelheit man als ein Ereignis in der Geschichte der amerikanischen Musik bezeichnen muss.

          Cat Power, geboren 1972 als Charlyn Marie „Chan“ Marshall in Atlanta, war Mitte der neunziger Jahre nach New York gekommen, 1995 veröffentlichte sie das Album „Dear Sir“. Den Künstlernamen Cat Power, erzählt sie, wenn man sie trifft, hat sie einmal auf einem Baufahrzeug der Marke Caterpillar gefunden. Seit das Label Matador ein Jahr später ihren Song „Nude as the News“ produzierte, galt sie als eine der wichtigsten neuen Singer-Songwriter ihrer Generation. Musikalisch war sie schwer zu fassen: Manche Musikjournalisten hörten eine neue Form von Independent Rock mit deutlichen Spurenelementen des rohen Grunge, andere sahen sie und ihre Coverversionen in der Tradition der amerikanischen Folk-Musik und ihrer immer wieder neu und weitererzählten Geschichten, und als sie für die Produktion ihres Albums „The Greatest“ in die Wärme des musikalischen Südens nach Memphis ging und ihre Songs mit Blechbläsern instrumentierte, sprachen sie von „Alternative Country“ mit Blueselementen.Sie wurde mit P. J. Harvey und Tori Amos verglichen.

          Das war alles nicht falsch, versuchte sie aber immer nur rückwärts in die Musikgeschichte einzusortieren, wodurch der Blick auf das, was ihre Musik wirklich ausmacht, fast verlorenging – nämlich die Fähigkeit, einer noch nicht beschriebenen individuellen und kollektiven Stimmung, einem historischen Moment Ausdruck zu verleihen. Wie sehr in Cat Powers Songs das Intime, Persönliche, Idiosynkratische mit dem Politischen, die eigene Erinnerung mit dem kollektiven Gedächtnis und der Konstruktion kollektiver Identität zusammenspielt, zeigte sich auf ihrem letzten Album „Sun“, das mit dem Song „Cherokee“ eröffnet – Marshalls Familie stammt in Teilen von den amerikanischen Indianern ab. Auf dem neuen Album sind die politischen Untertöne von Songs wie „Robbin Hood“ („Who robbing, who robbing who?“) nicht zu überhören.

          Von Lana del Rey verehrt

          „Sun“ war Cat Powers vielleicht am massivsten „produziertes“ Album; alte, roh hingeschrummelte Songs wie „Silent Machine“ wurden da mit einem symphonischen Aufmarsch von E-Gitarren und Synthie-Pop-Rythmen discofähig gemacht, es war Cat Powers bestverkäufliches Album, und natürlich wollte Matador diesen Erfolg wiederholen. Das, was Marshall seit der Geburt ihres Kindes 2014 in Miami, wo sie mittlerweile lebt, geschrieben hatte, war aber gar nicht, was die Produzenten im Sinn hatten. Das neue Album „Wanderer“ ist so reduziert wie ein leeres altes Farmgebäude im Mittleren Westen, so karg instrumentiert wie die frühen Alben: nur Stimme, Gitarre und Klavier, einmal taucht ein Chor auf, einmal die Stimme von Lana del Rey, eine Verehrerin der Musik Cat Powers, die mit ihr hier das Duett „Woman“ singt, ein Lied über weibliches Selbstbewusstsein und den Versuch, einem bestimmten Männertyp zu entgehen. Auch auf diesem Album gibt es wieder Neuinterpretationen, etwa von Rihannas Popsong „Stay“.

          Die Leute von Matador Records waren nicht begeistert. Sie spielten Cat Power Songs von Adele vor, so, bitte, möge das neue Album klingen. Man trennte sich, die „New York Times“ zitiert eine Erklärung von Matador, in der es schmallippig heißt: „Unsere Arbeitsbeziehung mit Chan war nicht ohne schwierige Momente“, das neue Album „Wanderer“ erscheint bei Domino; seine Produktion ist schon jetzt auch eine Geschichte darüber, welche Kämpfe es kostet, sich als Musiker der Vergrützung, dem Synthie-Geschmiere, der Eingängigmachung zu entziehen. „Wanderer“ ist davon unbeschädigt und so schön und reduziert und dunkel wie ein spanisches Gemälde von Zurbarán oder Goya. Die Farbe übernimmt der Song „Black“, der mit einer epischen Tiefe („Let me tell you a story about life“) vom Auftritt der „grande Faucheuse“, des Sensenmannes, im Leben eines Freundes erzählt, eine Ode an „alle, die es nicht geschafft haben“, erzählt Marshall. Eine ähnliche Überlagerung von Trauer und Witz, Wärme und Sehnsucht findet man sonst so vielleicht nur bei Leonard Cohen.

          „In your face“, das schönste Lied des Albums, erzählt von der Tristesse eines Ironikers, der sich in seinen Uneigentlichkeiten verschanzt, ist aber vor allem beeindruckend, weil die sich vorsichtig vortastende Synkopierung immer neue Bedeutungsebenen erzeugt („You’re american / You never take / What you say / Seriously“), so, als versuche die Musik hier den Menschen zu verstehen und abzutasten, von dem sie handelt.

          Auch hier wieder nur die Stimme, das Klavier – und der Hall. „Ich rufe, wenn wir produzieren, immer: Mehr Hall“, erzählt Marshall, und tatsächlich liegt darin vielleicht ein Geheimnis dieser Musik: Dass die leicht angekratzte Stimme einerseits so warm und nah klingt, als befinde sie sich direkt hinter dem, wenn nicht schon im Kopf des Zuhörers – und sich dann auflöst in Echos, dass aus einer Stimme zwei werden, die auf eine zauberhafte Weise zerflattern und in wilden Formationsflügen durch den leeren Raum kreisen und sich unter ihr eigenes Echo mischen, als legten sie es darauf an, zu beweisen, dass jede Stimme viele, jede Person viele Personen ist.

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