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Album der Woche : Die Stimme unserer Gegenwart

Von Lana del Rey verehrt

„Sun“ war Cat Powers vielleicht am massivsten „produziertes“ Album; alte, roh hingeschrummelte Songs wie „Silent Machine“ wurden da mit einem symphonischen Aufmarsch von E-Gitarren und Synthie-Pop-Rythmen discofähig gemacht, es war Cat Powers bestverkäufliches Album, und natürlich wollte Matador diesen Erfolg wiederholen. Das, was Marshall seit der Geburt ihres Kindes 2014 in Miami, wo sie mittlerweile lebt, geschrieben hatte, war aber gar nicht, was die Produzenten im Sinn hatten. Das neue Album „Wanderer“ ist so reduziert wie ein leeres altes Farmgebäude im Mittleren Westen, so karg instrumentiert wie die frühen Alben: nur Stimme, Gitarre und Klavier, einmal taucht ein Chor auf, einmal die Stimme von Lana del Rey, eine Verehrerin der Musik Cat Powers, die mit ihr hier das Duett „Woman“ singt, ein Lied über weibliches Selbstbewusstsein und den Versuch, einem bestimmten Männertyp zu entgehen. Auch auf diesem Album gibt es wieder Neuinterpretationen, etwa von Rihannas Popsong „Stay“.

Die Leute von Matador Records waren nicht begeistert. Sie spielten Cat Power Songs von Adele vor, so, bitte, möge das neue Album klingen. Man trennte sich, die „New York Times“ zitiert eine Erklärung von Matador, in der es schmallippig heißt: „Unsere Arbeitsbeziehung mit Chan war nicht ohne schwierige Momente“, das neue Album „Wanderer“ erscheint bei Domino; seine Produktion ist schon jetzt auch eine Geschichte darüber, welche Kämpfe es kostet, sich als Musiker der Vergrützung, dem Synthie-Geschmiere, der Eingängigmachung zu entziehen. „Wanderer“ ist davon unbeschädigt und so schön und reduziert und dunkel wie ein spanisches Gemälde von Zurbarán oder Goya. Die Farbe übernimmt der Song „Black“, der mit einer epischen Tiefe („Let me tell you a story about life“) vom Auftritt der „grande Faucheuse“, des Sensenmannes, im Leben eines Freundes erzählt, eine Ode an „alle, die es nicht geschafft haben“, erzählt Marshall. Eine ähnliche Überlagerung von Trauer und Witz, Wärme und Sehnsucht findet man sonst so vielleicht nur bei Leonard Cohen.

„In your face“, das schönste Lied des Albums, erzählt von der Tristesse eines Ironikers, der sich in seinen Uneigentlichkeiten verschanzt, ist aber vor allem beeindruckend, weil die sich vorsichtig vortastende Synkopierung immer neue Bedeutungsebenen erzeugt („You’re american / You never take / What you say / Seriously“), so, als versuche die Musik hier den Menschen zu verstehen und abzutasten, von dem sie handelt.

Auch hier wieder nur die Stimme, das Klavier – und der Hall. „Ich rufe, wenn wir produzieren, immer: Mehr Hall“, erzählt Marshall, und tatsächlich liegt darin vielleicht ein Geheimnis dieser Musik: Dass die leicht angekratzte Stimme einerseits so warm und nah klingt, als befinde sie sich direkt hinter dem, wenn nicht schon im Kopf des Zuhörers – und sich dann auflöst in Echos, dass aus einer Stimme zwei werden, die auf eine zauberhafte Weise zerflattern und in wilden Formationsflügen durch den leeren Raum kreisen und sich unter ihr eigenes Echo mischen, als legten sie es darauf an, zu beweisen, dass jede Stimme viele, jede Person viele Personen ist.

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