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Album der Woche: „Deja-vu“ : Giorgio Moroder lässt die Puppen tanzen

Auf gute Zusammenarbeit: Giorgio Moroder mit Kylie Minogue Bild: Anna Maria Zunino Noellert

Für sein erstes Album seit Jahrzehnten hat Disco-Pionier Giorgio Moroder illustre Gäste eingeladen: Sia, Kylie Minogue und Britney Spears gehören zu den Sängerinnen, mit denen er den Sound seiner Zeit neu aufkocht.

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          Dreißig Jahre lang hatte Giorgio Moroder kein Album mehr herausgebracht. Dann gruben ihn Daft Punk 2013 für ihr Album „Random Access Memories“ aus: Das Stück „Giorgio By Moroder“ ließ ihn aus seinem Leben erzählen. Dank der aberwitzig erfolgreichen Single „Get Lucky“ wurde das ganze Album ein enormer Erfolg – und Moroder, so berichtet der Südtiroler selbst, konnte sich vor Anfragen von Plattenfirmen kaum retten. Schließlich erhörte er Sony.

          Dort ist nun sein Album „Deja vu“ erschienen, und selten konnte man von einem Tonträger so plausibel alles und ebenso plausibel nichts erwarten. Der heute fünfundsiebzig Jahre alte Moroder ist der Vater der Disco-Musik; er begründete mit „Love to Love You, Baby“ dieses Genre und machte die Sängerin Donna Summer weltberühmt. Aber das ist nun mal schon sehr, sehr lange her. Neununddreißig Jahre, um genau zu sein.

          Daft Punk hatten bei ihrem Ritt durch die Synthie-Zeitalter auf „Random Access Memories“ eine gute Haltung zum Vergangenen gefunden: Sie zitierten, aber sie kopierten nicht. Moroders Opener „4 U With Love“ hingegen lässt eine solche Haltung vermissen. Das Stück klingt wie von Dune, einer deutsche Kombo, die in den neunziger Jahren das produzierte, was man damals für Tanzmusik hielt. Und während der Hörer noch zitternd und bebend hofft, dieser Einstieg sei ironisch gemeint, löst sich das Elend ganz allmählich in Wohlgefallen auf. Dazu trägt der Titelsong bei, dem Sia ihre Stimme lieh. Allzu viel Seele hat das Stück nicht – aber die klassische Funk-Gitarre verleiht ihm doch Wärme.

          Giorgio Moroder - Tom's Diner (feat. Britney Spears) (Audio Spectrum Video) from nachvimeo on Vimeo.

          Es mag wohlfeil sein, sich bei einem Album an den populärsten Kollaborationen abzuarbeiten. Doch mit Ausnahme der temperamentvollen Tanzaufforderung „Tempted“ bilden sie in diesem Fall tatsächlich die spannendsten Stücke. Zum Beispiel „Right Here, Right Now“ mit Kylie Minogue, auch wenn ihre Stimme so erbarmungslos gepitcht wurde, dass man sie fast nur noch daran erkennt, wie sie hauchend die Vokale in die Länge zieht.

          Dieser Sound ist typisch für das Album: Tanztauglichkeit ist Trumpf. Originalität hingegen sucht man vergebens. Ein immerhin ganz und gar überraschender Gast ist Britney Spears – aber damit erschöpft sich die Überraschung schon, denn ihre Interpretation von Suzanne Vegas „Tom's Diner“ fügt dem Lied nichts Neues hinzu. Zumindest nichts, was die Produzenten von DNA nicht schon mit der ursprünglich a cappella gesungenen Nummer angestellt hätten. Ihr Remix ist bekannter als das Original. Dieses Kunststück wird Moroder und Spears hiermit nicht gelingen.

          So routiniert Giorgio Moroder auch mit dem Sound hantiert, und so viele Künstler er in den vergangenen vier Jahrzehnten inspiriert hat: Ein ganz großer Wurf ist „Deja-vu“ nicht. Es trifft vielmehr das zu, was Kurt Tucholsky einst über den Roman „Ulysses“ sagte, indem er ihn mit einem Fleischextrakt verglich: „Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.“ Das ist kein völlig vergiftetes Kompliment: Mit diesen Suppen wurden damals immerhin Cholera-Patienten wieder aufgepäppelt. Und auch das Disco-Erbe hat sein Haltbarkeitsdatum noch lange nicht überschritten. Aber ein paar neue Köche tun ihm gut.

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