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Album der Woche „Unheilig“ : Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Zeit zu gehen“ Bild: Erik Weiss

Gipfel der Sinnsprüche: Die Gruppe Unheilig stürmt mit gedankenarmer Pathosmusik auf die Berge. Aber demnächst soll ja damit Schluss sein. „Der Graf“ legt sein angeblich letztes Album vor.

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          „Ich bin glücklich darüber, gespürt zu haben, wann mein Zenit erreicht ist.“ Diese Erkenntnis ist von Gestaltern des öffentlichen Lebens selten zu hören. Ob der Sänger einer der zurzeit erfolgreichsten deutschen Popbands seinen überraschenden Rückzug wirklich konsequent umsetzt, wird sich zwar erst vom Sommer 2016 an erweisen. Bis dahin wird seine Gruppe Unheilig eine großangelegte Abschiedstournee absolvieren.

          Aber wir rechnen damit, dass der Herr, der datenschutzbewusst nur als „der Graf“ bekannt ist, seine Worte ernst meint, und denken: Was für ein sympathischer, angenehm selbstreflektierter Mensch! Haben wir ihm unrecht getan, als wir ihn für ästhetisch unzurechnungsfähig hielten wegen seiner traditionsvergessenen Art, den eigentlich heiter-maritimen britischen Club-Blazer zu tragen: nämlich ganz in Schwarz, mit einem Teufelshorn als Bart und früher auch noch mit werwölfischen Kontaktlinsen?

          Das Erscheinungsbild eines exzentrischen Bestatters war am rechten Platz, als der Graf in der letzten Sendung von „Wetten, dass . .?“ auftrat. „Es ist Zeit zu gehäähäääään“, sang er mit vibrierender Baritonstimme und schenkte dem zombifizierten Fernsehformat damit die hoffentlich ewige Ruhe. Das Abschiedslied ist das Herzstück von „Gipfelstürmer“ (Vertigo Berlin/Universal), dem angeblich letzten Album, das Unheilig nun veröffentlicht.

          Mit Klavier und Streichern angedickt

          Bei aller Sympathie fällt es jedoch schwer, dem musikalischen Vermächtnis des Grafen etwas abzugewinnen. Stadionrock ohne Originalitätsambition wird mit Klavier und Streichern angedickt. Er versucht, sowohl das teutonische Stampfen von Rammstein als auch das melodieselige Schmachten von Coldplay zu imitieren. Die Texte sind da schon deutlich interessanter, weil in ihrer Gesichtslosigkeit beispiellos. Sie bestehen nahezu vollständig aus Sinnsprüchen der abgenutztesten Art. An Träume glauben, die Flügel ausstrecken, sich fallenlassen, nach den Sternen greifen, die Freiheit leben, die Angst besiegen, gehen (wenn’s am schönsten ist), die (gute alte) Zeit zurückdrehen, Held (für einen Tag) sein, Hand in Hand bis zum Gipfel gehen, dort oben stehen, dem Himmel so nah.

          Beim vierten Stück meint man zunächst: Oha, jetzt bricht sich was; jetzt dekonstruiert der Graf seine Art zu texten durch Überbietung, indem er wahllos Sprichwörter aneinanderreiht: Der Klügere gibt nach; früh übt sich, wer ein Meister werden will; fragen kostet nichts et cetera. Aber der Sänger meint seine „Weisheiten des Lebens / die uns trösten und beflügeln“ wirklich ernst. Jede Zeile kommt spürbar von Herzen. Dass Sprichwörter ohne Anwendungsbezug nichtssagend und widersprüchlich sind, wird allerdings nicht bedacht. Wie soll jemand nach den Sternen greifen, während er ehrenwerte Pfennige aufklaubt?

          Die auf diesem Konzeptalbum beschriebene Bergwelt bleibt seltsam steril. Es gibt keine Farben, keine Murmeltiere, keine Kämpfe, keine Küsse. Auf Unheiligs Alm ist wirklich koa Sünd. Wer sind die Gipfelstürmer, und was wollen die da oben? Dem Pathos der Musik zufolge retten die Hobbits Mittelerde, mindestens. Die Reise erfolgt allerdings bequem per Bergbahn. Das bisschen Eiswind und Gewitter ist schnell durchfahren. Vielleicht trägt doch nur eine fleißige Familie ihre Ersparnisse zum Autohaus auf dem Glücksgipfel.

          Sogar persönlichen Lebensbezug

          Das Pathos des Grafen ist ein Sekundärpathos, das Mut, Gemeinschaftsgeist und Durchhaltewillen als beliebig gerichtete Sekundärtugenden besingt. „Lass uns alle wie Helden sein / und tun, was richtig ist.“ Nur: Was ist das Richtige? Das Prinzip Datenschutz ist sicher richtig, sollte jedoch nicht auf fiktionale Texte übertragen werden. Erst das zehnte Lied, „Mein Berg“, offenbart einen nicht völlig beliebigen, sogar persönlichen Lebensbezug. „Ich frage mich / was treibt mich an / immer weiter zu gehen? / Ist es der Applaus am Gipfel / der mir sagt / dass ich wertvoll bin?“, überlegt der Graf. In Interviews hat er als Rücktrittsgrund erwähnt, dass er sich von narzisstischem Leistungsdruck befreien möchte.

          So ganz gelingt das wohl nicht. Die restlichen sechs Stücke ziehen „im Goldrausch“ abermals ins Gebirge, sie eilen „immer weiter, immer höher, immer schneller“. Ob der Graf diese Redewendungen in gesellschaftskritischer oder zustimmender Lesart gebraucht, ist schwer zu sagen. Seine bisweilen hitlerhaft gutturale Artikulation - ein Stilmittel, das sich bei Laibach oder Rammstein als Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus interpretieren lässt - bedeutet vermutlich einfach gar nichts. Zweierlei hat der Graf jedenfalls erreicht: Er hat Musik gemacht, die sehr vielen Menschen gefällt. Und er hat sich um die Rücktrittskultur verdient gemacht.

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