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Album der Woche : Wie uns die Würmchen sungen

  • -Aktualisiert am

Traum und Wirklichkeit: Gorillaz auf der Bühne in Berlin Bild: dpa

Das neue Gorillaz-Album ist von wechselnden Stimmungen und von wechselnder Qualität. Doch in den besten Momenten lässt Damon Albarn uns vor dem inneren Auge noch einmal sämtliche alten Luftschlösser zerplatzen. In Zeitlupe.

          Ein Ende der Achtzigerjahre-Retromanie scheint nicht in Sicht. Während viele schon gespannt auf die nächste Staffel von „Stranger Things“ warten, einer Fernsehserie, die ähnlich wie das Buch „Generation Golf“ dieser noch einmal sehr geschickt ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, nämlich den der Massenkultur bringt und dabei auch alle paar Minuten einen Song jener Zeit zwischen „E.T.“ und „The Breakfast Club“ einstreut, gibt es auch weiterhin eine Fülle von Musikgruppen, die massiv auf die Retro-Sounds setzen. Und in gewisser Weise tun das auch Gorillaz.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Popmusik der frühen Achtziger ist für die vom Sänger Damon Albarn und dem Comiczeichner Jamie Hewlett 1998 ins Leben gerufene Cartoon-Band freilich nicht die einzige Bezugsgröße – sie haben auch mit Seventies-Funk, Disco und Hiphop schon viel experimentiert und sich sogar dem Jazz geöffnet. Aber beim Anspielen des neuen Albums „The Now Now“ fühlt man sich dann doch durch Synthesizerklänge, Handclaps aus der Babyzeit der Drum-Machines und vor allem durch die oktavsprunglastigen Computerspiel-Melodien wiederum in eine Welt versetzt, in der es noch völlig utopisch war, eines Tages als Figur in einem solchen Spiel aufzuwachen („Tron“), in der die Trick- und Tontechnik aber gerade schon erlaubte, eben davon einen ersten Eindruck zu verschaffen.

          Das hat sich mit der Virtual-Reality-Welle drastisch verändert, und auch Gorillaz haben daran selbst mitgewirkt: indem sie nämlich nicht nur in ihren spektakulären Musikvideos, sondern auch auf der Bühne eine Mischung aus zwei- und dreidimensionalen Cartoon-Avataren und echten Menschen auftreten ließen, wie es sie vorher noch nicht gab. Und indem sie diesen Avataren nicht nur einen ganz eigenen Look durch Jamie Hewletts von japanischen Anime-Filmen und englischer Rowdiness inspirierte Zeichnung verliehen, sondern ihnen auch einen Sound auf den Leib schneiderten, der ganz verschiedene Musikstile und Weltgegenden zusammenbrachte.

          Siebzehn Jahre ist es nun her, dass 2D, Murdoc, Russel und Noodle den Sonnenschein in die Tasche steckten und mit dem Song „Clint Eastwood“ in aller Ohren und Augen waren. Das Konzept aus lässigem Groove und melancholischem Gesang Damon Albarns haben sie (beziehungsweise die menschlichen Strippenzieher hinter den Figuren) seitdem immer wieder neu verwirklicht – oft betörend, manchmal nicht ganz so. Die Musikvideos erzählten dazu ganz eigene Geschichten, wie etwa „El Mañana“, das die Albarns Texte oft prägende Empfindung der Isolation in das Bild einer klitzekleinen Insel in den Lüften goss, die nur Platz für eine Windmühle und eine Bewohnerin hat. Dann kommen Kampfhubschrauber und zerstören das seltsame Luftschloss.

          Isolation ist auch der Schlüsselbegriff im Eröffnungssong des neuen Albums „The Now Now“: „Calling the world from isolation“, beginnt er mit einem einsamen Rufer Albarn, der sich zu jemandem (oder zur alten Crew?) zurücksehnt und dafür Schönwetter machen will. Die Musik tut mit Versatzstücken tropischer Sommersongs alles dafür und das am kalifornischen Venice Beach spielende Video auch. Aber bei aller willkommenen Leichtigkeit, die ja nicht nur Fußballmannschaften manchmal verlorengeht, beschleicht einen bei diesem Gorillaz-Video, in dem auch noch der Quatsch-Comedian Jack Black herumhampelt, ein Gefühl der Verbrauchtheit der Ideen, der visuellen wie der klanglichen. Es ist nicht der einzige Song auf dem Album, der von einer Art süßer Belanglosigkeit ist.

          Das Spiel mit den Gastmusikern – hier ein weiterer Auftritt von Snoop Dogg, da eine Melodie von George Benson – wird langsam alt, und die kritische Attitüde, die einst aus „Plastic Beach“ schon fast ein Konzeptalbum gegen Verschmutzungen und Verstellungen aller Art machte, scheint hier der Konzeptlosigkeit einer bloßen Songkompilation zu weichen.

          Sicher, bei den Balladen macht Damon Albarn niemand etwas vor: „Kansas“ ist ein Hoffnungsgospel über sehr ruhigem Laidback-Groove. „I'm not gonna cry / Find another dream“, singt er da, und Tausendsassa-Albarn, der vor Jahren ja auch ein Album von Bobby Womack produziert hat, ist für solche Zeilen mit allen Wassern des Soul gewaschen.

          Im Grunde ist es ja auch so: Egal, bei welchem Projekt Albarn seine Künste einsetzt, ob solo oder bei einer Wiedervereinigung mit seiner ersten Band Blur, ob bei einer ebenfalls angekündigten Wiedervereinigung der Gruppe The Good, The Bad and The Queen – er macht es nie ganz schlecht, oft sogar so, dass einem vor dem inneren Auge in Zeitlupe noch einmal sämtliche alten Luftschlösser zerplatzen. Und dann baut er mit einem Lied wie „Magic City“, dessen Basistrack eine fast schon lächerliche Dancefloornummer ist, einfach wieder ein neues auf.

          Ins Märchenhafte drängt auch das Lied „Fireflies“, in dem das lyrische Ich dem Licht eines Glühwürmchens verfällt. Aber bevor es zu romantisch wird, reißt Albarn ein Unheimlichkeitsloch in diesen Text, das an sein Album „Everyday Robots“ erinnert: „The sentinels will find me and switch me off this time“. Es drohen also wieder Verfolger, die einem das Licht ausblasen, den Stecker ziehen wollen.

          „The Now Now“ ist von wechselnden Stimmungen und von wechselnder Qualität. Mal ist man hingerissen wie noch bei dem Song „Tranz“, der von Ferne an die Band Visage erinnert, dann wieder bleibt auf dieser Platte, etwa auch bei dem Stück „Hollywood“, ein gewisser Rest von Musik der, mit Calvin Harris gesprochen, allenfalls „Acceptable in the 80s“ war.

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