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Album der Woche : Über den Fjord mit sehr kleinen Mopeds

  • -Aktualisiert am

Sonniger Tanzpop mit seltsamer Lyrik: Mattias Björkas, Tina Kärkinen und Daniel Ventus singen jetzt auf Deutsch, nicht nur über die Flora und Fauna rund um Vaasa. Bild: Aja Lund

Warum soll internationale Popmusik nur englische Texte haben? Schwedische Finnen singen melancholische Heimatlieder auf Deutsch: Die Gruppe Vasas Flora och Fauna sammelt „Strandgut“.

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          Durch M.A. Numminens kuriose Tangolieder, erst recht durch seine Vertonungen Ludwig Wittgensteins weiß man, welcher besondere Reiz von einem finnischem Akzent ausgehen kann. Bei der Gruppe Vasas Flora och Fauna ist der Fall etwas anders, doch ähnlich: Sie stammt aus Finnland, aber aus der Küstenregion bei Vaasa, spricht daher das sogenannte Finnlandschwedisch. In diesem Dialekt hat sie bereits zwei in Skandinavien erfolgreiche Alben aufgenommen („Släkt med Lotta Svärd”, 2015 und „Veneziansk afton”, 2017). Nun hat sich das Trio aus Mattias Björkas, Tina Kärkinen und Daniel Ventust zu einem überraschenden Schritt entschlossen: Es veröffentlicht eine Auswahl seiner Lieder auf Deutsch auf einem Album namens „Strandgut“, das zuerst durch sein hübsches Artwork aus ebensolchen inszenierten Strandfunden ins Auge sticht.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Liedtitel an sich klingen schon sonderbar vielversprechend: „Eigenheimhaus“ heißen sie zum Beispiel, „Honda Monkey“ oder auch „Zapfenstreich“. Bei letzterem könnte man fast an die Band  Rammstein denken, aber weit gefehlt: Dies hier ist melancholischer Retro-Tanzpop, der eher an Belle and Sebastian erinnert.

          Ohne zu zögern ließ Dein Vater uns den Wagen
          Du schobst den Sitz vor, spieltest Leevi and the Leavings
          Der Turbo zog an und wir stimmten heiter ein
          Jäädä saat, julma maa

          Die Erinnerung an eine Jugendliebe passt zur Grundstimmung des Albums. Der Textbezug zur verblichenen finnischen Popgruppe Leevi and the Leavings ist vielleicht so ähnlich aufzufassen wie etwa jener auf Roy Orbison in Bruce Springsteens „Thunder Road“: Heraufbeschwören einer Stimmung, die irgendwo in einem alten Autoradio noch eingefangen ist und manchmal auch herauskommt.

          Springsteenhaft mutet auch die Trauer über den Verfall eines ehemals produktiven Industriestandorts an: „Wir haben genörgelt, gebettelt, gefleht / Doch Tesla kommt hier nicht mehr her.“ Die Themen der Lieder sind indessen universell: Wie es sich anfühlt, mit innerer Distanz in die Provinz zurückzukehren, aus der man stammt, weiß man von von Altrockern ebenso wie von Tocotronic, nur geht es hier zur Abwechslung mal nicht um das amerikanische Kernland oder den deutschen Südwesten, sondern um Orte am bottnischen Meerbusen. „Wie ist es in Molpe? Frage für einen Freund“, heißt es da einmal. Molpe ist ein kleiner Ort südlich von Vaasa.

          Ob du es willst oder nicht, ich schenke Dir eine Honda

          Da Finnen mitunter AC/DC auf dem Banjo spielen, überrascht es auch nicht, dass sie mit sehr kleinen Mopeds durch die Gegend fahren. „Ob du es nun willst oder nicht / Schenke ich Dir eine Honda Monkey“, heißt es in einem anderen Song. Auch wenn es zunächst nicht so wirkt, scheint es sich dabei um einen zärtlichen Liebes- oder Freundschaftsbeweis zu handeln: „Du weißt wohl ich hab dir einen Platz zugeteilt / Dir zugeteilt die Metallica-Sitzbank / Dort kannst du sitzen so lang du willst“.

          Die Musik auf der Platte vereint so Verschiedenes wie Klezmer, Schlager und Doo-Wop. Der Liedtitel „Wir kaufen eure alten Sachen“ ist daher wohl programmatisch zu verstehen: Vasas Flora och Fauna nimmt die musikalischen Reste gern, „Ein Freund kommt mit dem Wagen angefahren / Wir bringen alles in unser neues Heim.“

          Die Band hat außerdem ein Statement herausgegeben, es lautet: „Vor einigen Jahrzehnten war es in Europa vollkommen natürlich, Songs in verschiedene Sprachen zu übersetzen. Doch aufgrund der Verbreitung des Englischen ist dieses Phänomen beinahe ausgestorben. Wir wollen diese alte Praxis wiederentdecken und gleichzeitig ein Fazit erhalten, was mit den Songs geschieht, wenn wir in eine naheliegende doch gleichzeitig fremde Sprache wechseln.“

          Auch wenn die Erinnerung an Abba auf Spanisch oder France Gall auf Deutsch bei manchem gemischte Gefühle auslöst, kann man sagen: Das Naheliegend-Fremde an „Strandgut“ ist für die deutschsprachige Songlyrik, die in letzter Zeit oft erschreckend eintönig ist, eine Befreiung.

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