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Album der Woche : Simulationskrieg der Sterne

  • -Aktualisiert am

Ganz so stilsicher wie die Mensch-Maschinen von Daft Punk sind Muse noch nicht - aber vielleicht ist das auch gar nicht ihr Ziel. Bild: Jeff Forney

Die Frage nach dem Verlust ihrer Prog-Rock-Identität beantwortet die Band Muse mit Selbstironie: Auf dem neuen Album „Simulation Theory“ wird mit Klischees gespielt und mit großen Synthesizern geschossen.

          „Pressure“ - der Titel ist Programm. Im Video zur Single vom neuen Album „Simulation Theory“ sieht man die britischen Rocker von Muse ungewohnt selbstironisch. Als „Rocket Baby Dolls“ - das war 1994 der Gründungsname - treten sie mit wilden Rockriffs auf einem Schulabschlussball auf und werden von Achtzigerjahre-Anspielungen wörtlich aufgefressen.

          Im wahren Bandleben sind es eher die Rezensenten und zuletzt auch die eigenen Fans, die der Band immer wieder Verlust ihrer Progressive-Rock-Elemente, sowie musikalischen Größenwahn und Geschmacklosigkeit vorwerfen. Oder schlicht einen eigenen Stil absprechen.

          Für jeden dieser Vorwürfe scheint Frontmann und Songwriter Matthew Bellamy einen Synthesizer, einen wummernden Arpeggiator in die Songs des neuen Albums einkomponiert zu haben. Doch der Kritik können die drei Schulfreunde auch anders trotzen, denn das achte Studioalbum der Band hat einen unverkennbaren Klang: Auf gleißende Höhepunkte zusteuernde, spätromantischer Musik abgekupferte Akkordfolgen mit Matthew Bellamys falsettlastigem Gesang. So exemplarisch zu hören auf dem Eröffnungstrack „Algorithm“, der zusammen mit dem „Star Wars“-Trashcover der Platte und den Eurodisco-Streichern einen besonders pathetischen Scifi-Film einleiten könnte. Diese gutgemachte, aber ziemlich hohle Klangexplosion kann man durchaus lieben, um sich gleichzeitig für seine Geschmacksverirrung zu schämen.

          Nach dem grauen Düsterrockalbum „Drones“ von 2015 sind Muse wieder experimentierfreudig geworden. Und festigen damit sicherlich ihren Ruf als genresprengendste und mutigste unter den Mainstreamrockbands.

          Die Band arbeitete für „Simulation Theory“ mit verschiedenen Produzenten, einerseits mit Rich Costey, der auch für die bei Fans beliebten Alben der härteren Rockphase verantwortlich zeichnet, aber auch Timbaland ist darunter. Dementsprechend fallen einige der elf Songs doch auffallend aus dem Rahmen.

          Ein Roboter singt die Hookline

          Inhaltlich geht es auf „Simulation Theory“ um menschliche Datensätze und die Möglichkeit, dass wir doch alle nur Figuren in einem Spiel höherer Intelligenz sind. Klingt aktuell und abgefahren. Wer Muse kennt weiß, dass die Texte Bellamys seit jeher eher oberflächlich gestrickt sind, wenn sie denn nicht gleich unfreiwillig komisch anmuten. So wird hier mit der lyrischen Ausdrucksfähigkeit eines symphytischen, aber auch leicht depressiven Verschwörungstheoretikers über virtuelle Existenz gesungen, oder aber den Refrainhook übernimmt gleich komplett ein Roboter. So passiert im Liebessong mit dem klingenden Titel „Propaganda“ in dem über Elektronikgewaber so sexy geflüstert wird, als wären Prince und Michael Jackson als Duo wiederauferstanden.

          Besser und fesselnder allemal, als das eigentlich schamlos auf die Charts schielende „Get Up and Fight“ inklusive totgesampelter Frauenstimme. Andere Songs, wie das generische „Dig Down“, wirken wie ein Abklatsch des Bandhits „Madness“ und sind auf Dauer zu  minimalistisch im Aufbau.

          Soviel zu den fehlgeschlagenen Experimenten. Neben den obligatorischen Stadionhymnen, die in den aufwendigen Liveshows der Band wohl Wirkung entfalten werden, gibt es mit „Break it to me“ den wohl interessantesten Muse-Song dieser Dekade. Über einen stetigen, leicht atonalen Gitarrenriff, Rage Against the Machine lassen grüßen, legt sich exotische Percussion von Dominic Howard, sowie orientalisch verzerrter Sprechgesang. Schleiertanz auf Speed.

          „The Void“ beschließt das Album mit Raumschiffklängen, die in eine schöne Klavierballade übergehen könnte. Wäre da nicht ein wummerndes Dubstep-Störgeräusch.

          Es ist dieser Konflikt aus handgemachter Musik mit Klassikeinflüssen einerseits und der (Retro)-Technik auf der anderen Seite, der das Album durchzieht. Erstere verliert den Wettstreit leider allzu oft. Trotzdem wird jeder, der dieser auf den ersten Blick lauten und vordergründigen Musik eine Chance gibt, hier  unterhaltsame Minuten und starke Momente finden.

          Und nicht alles ist schlecht in dieser digitalisierten Welt: Auf den bekannten Streamingdiensten stellt die Band manche der etwas überproduzierten Songs als Alternativ- oder Akustikversion zur Verfügung. So funktioniert, „Something Human“ als lebloser Synthie-Pop auf dem Album wenig, die intime Version in der Bellamy seit Jahren erstmals wieder seine Akustikgitarre klingen lässt, tönt glaubwürdiger.  Und vielleicht ist es für das erfolgreiche Trio, das sich nun 20 Jahre durch viele Musikstile simuliert hat, ja demnächst einfach Zeit für ein Akustikalbum.

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