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Album der Woche : Eine Soul-Funk-Disco-Hip-Hop-Wundertüte

  • -Aktualisiert am

Anderson .Paak im Juli in der Berliner Columbiahalle Bild: Picture-Alliance

Nach „Venice“ und „Malibu“ legt Anderson .Paak mit „Oxnard“ das dritte Album seiner kalifornischen Beach-Trilogie vor. Es will womöglich zu viel auf einmal, ist aber ziemlich groovy.

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          Wellengeräusche, eine schlagende Autotür, ein Radio im Senderdurchlauf mit einer Ansage auf Spanisch, in der sich das Album quasi selbst ankündigt: „Anderson .Paak va a estar tocando música en Oxnard“. Als kalifornische Autofahrt beginnt  das neue Album des Sängers und Rappers mit den afro-amerikanischen und koreanischen Wurzeln. Dann umhüllt einen die Stimme von Kadhja Bonet psychedelisch entrückt, fast lieblich, bevor „The Chase“  mit dramatischen Trommel-Wirbeln und geflöteter Funkiness in eine scharfe Blaxploitation-Kurve einbiegt.

          Anderson .Paak rappt über das Aufstehen nach Niederlagen, Erfolg, den Unterschied zwischen dem Armsein  – früher – und dem Reichsein – jetzt! –, bevor sich der Song nach einem weiteren Break ein letztes Mal verwandelt. Über ein Bassriff groovt sich der Albumeinstieg als Funk-Nummer ein, .Paak wechselt in den Soul-Gesang. Am Ende verliert sich „The Chase“ – mehr eine Abfolge kurzer, sich gegenseitig jagender Breaks als Song –  in letzten Flötentönen und Meeresrauschen. Und mit dem Geräusch eines startenden Autos biegt das Album in den nächsten Song ein, der in der unappetitlichen Geräuchkulisse eines Sex-Crashs endet.

          „The Chase“ steht für die Stärken des Künstlers: Eine Stimme, die nach Rauch und kalifornischer Sonne klingt, mit einer Prise Rauheit à la Bobby Womack und der Dringlichkeit eines Gospel-Gottesdienstes.  Eine Stimme, aus der ein charismatischer Schalk hervorlugt, der seinen Optimismus den überstandenen Härten des Lebens abgerungen hat. Eine Stimme vor allem, die von einem Beat auf den anderen mühelos zwischen Rap und Soulgesang hin- und herwechselt, weil sie in beiden Genres zu Hause ist. Dazu ein Musiker, der sich seine Drumbreaks einfach selber trommelt und Gesampeltes und live Gespieltes so gekonnt verknüpft, dass dabei eine wunderbar organische Verbindung entsteht. Eine Soul-Funk-Disco-Hip Hop-Wundertüte.

           „The Chase“ steht aber auch dafür, dass Anderson .Paak genau diese Mischung auf „Oxnard“, dem von vielen als möglichem Meisterwerk erwarten Album, nicht gelungen ist – gemessen jedenfalls  an „Malibu“, dem gefeierten Vorgängeralbum.

          Und dies liegt nicht nur daran, dass „Oxnard“ mehr auf der Rap- als der Soulseite von Anderson .Paaks Können angesiedelt ist, was sich auch in mehr Gangsta- und mehr Sex-Gepose – von albern-flach bis frauenfeindlich  – niederschlägt. Sondern vor allem daran, dass es dem Album insgesamt an Fokus und einem narrativen Flow fehlt: Wo man „Malibu“ von vorne nach hinten und in jeder x-beliebigen Reihenfolge durchhören kann und alles wunderbar Sinn ergibt,  klingt „Oxnard“ wie eine Ansammlung lose verbundener Singles, von denen einige gut, manche okay und einige misslungen sind. Und leider kaum eine so großartig wie diejenigen, die schon vor dem Album herauskamen:  „Who R U“ und vor allem „Tints“, in dem Anderson .Paak und Kendrick Lamar sich im Disco-Funk-Rap-Modus so lässig über die Notwendigkeit getönter Autoscheiben für die Superstars des Hip-Hop ausbreiten, dass man selbst von getönten Scheiben zu träumen beginnt.

          Ein Opulenz-Problem?

          Aber das Album selbst und seine, zum Teil zweiteiligen Songs biegen zu oft und zu schnell in zu viele unterschiedliche Richtungen ab: thematisch und stilistisch. Wie ein Autofahrer, der nicht weiß, wo es lang geht. Am Ende des Albums, das mit „Cheers“ ein viel besseres Ende genommen hätte,  versucht sich Anderson .Paak bei „Left to Right“, der zweiten Bonusnummer, sogar an jamaikanischen Dancehall – inklusive Fake-Patois.

          Fast scheint es, als hätte Anderson .Paak ein Opulenz-Problem auf „Oxnard“. Wenn alles möglich ist – und alles ist möglich, wenn einen Dr.  Dre, der Kingmaker des Westcoast-Rap nach „Compton“ unter Vertrag genommen und zum neuen Star auserkoren hat - läuft einer Gefahr, alles oder jedenfalls zu vieles auszuprobieren: zu viele Produzenten, zu viele Themen, zu viele unterschiedliche Beats, zu viele Gäste – von J. Cole („Trippy“) bis Dr. Dre persönlich („Mansa Musa“).   

          Wo Anderson .Paak auf „Malibu“ thematisch mit der Liebe, dem Sex und seinem Leben und vor allem dem seiner Eltern ringt:  dem des drogensüchtigen Vaters, der die Mutter beinahe umbringt, dafür ins Gefängnis wandert und den der Sohn erst Jahre später bei dessen Beerdigung sieht; und dem Leben der Mutter, die aus einem Straßenverkaufsstand ein lukratives Business für Erdbeeren aufbaut, dann aber an El Niño, Ernteausfällen und der eigenen Spielsucht scheitert und schließlich ebenfalls auf Jahre im Knast landest –  behandelt„Oxnard“ den neuen Erfolg des Anderson .Paak auf dem Sprung zum Superstar. Es geht weniger, wie man hätte erwarten können, um seine Kindheit und Jugend in Oxnard, sondern um die Rückkehr des erfolgreichen Musikers an den Ort seiner Jugend. 

          .Paak und seine Gäste feiern auf „Oxnard“ den Erfolg, sezieren ihn, warnen aber auch vor ihm: Erfolg mit der Musik ist der Ausweg vor den Gefahren der Straße und des Ganglebens. Zugleich birgt er neue Bedrohungen, die .Paak und Q-Tip auf „Cheers“, einer Hip-Hop-Elegie auf ihre Freunde Mac Miller (1992-2018) und Phife Dawg (1970-2016) besingen: „How do you tell a nigga slow it down when you livin' just as fast as 'em?“, rappt Anderson .Paak berührend fatalistisch. Und Q-Tip schaut, ganz in der wiederkehrenden Auto-Metaphorik des Albums, in den Rückspiegel des Lebens und auf gemeinsame Tage mit Phife Dawg und „A Tribe Called Quest“: „So sick of sendin' flowers to all of my brother's mommas.“ In  „6 Summers“ wünscht Anderson .Paak  Präsident Trump eine uneheliche Tochter an den Hals, eine lesbische Halb-Latina, bevor es um Gun Control, die Twitterkriege des Präsidenten und eine düstere Prognose geht: Trump werde so lange Präsident bleiben wie der Song ein Hit: Sechs Sommer lang, bis 2024. „Brother’s Keeper“, eine dramatische Gangster-Predigt über Bruderschaft, ist ganz von Pusha-T dominiert: Wenn der eigene Bruder aus dem Rap-Duo „The Clipse“  aussteigt, weil er als wiedergeborener Christ nicht mehr rappen, mag, dann respektiert er das. Aber er macht weiter.

          Wie er mit dem Erfolg zurechtkommen wolle, wurde Anderson .Paak kürzlich in einem Interview gefragt. Wie mit einem neuen, großen  Auto, in dem aber immer noch derselbe Typ sitzt, lautete die Antwort.  In „Oxnard“ sitzt immer noch der Anderson .Paak von „Malibu“ am Steuer. Aber er protzt etwas zu oft mit seinem neuen Schlitten. Und lässt sich zu häufig von Dr. Dre ins Lenkrad fassen.

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