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Album der Woche : Der braucht keine Rolltreppe zum Himmel

Mit allen Insignien des Südstaatenrocks: Israel Nash Bild: dpa

Southern-Rock mit Zuckerguss: Der Wahl-Texaner Israel Nash hat für sein Album „Lifted“ einen Imagewandel durchlaufen und sieht nun aus wie der kleine Hipster-Bruder von Gregg Allman. Man darf aber hoffen, dass er seine Wurzeln noch kennt.

          Wie man sich im weiten Feld der Americana-Musik zwischen altem und neuem Country, traditionellem und „weird“ Folk, zünftigem und alternativem Rock positioniert, ist oft nicht nur eine künstlerische Frage, sondern auch eine der Vermarktung. Es hat schon ein paar erstaunliche Wandlungen gegeben – im ganz populären Bereich Taylor Swift, im zumindest in Amerika sehr erfolgreichen etwa Kacey Musgraves, um nur zwei Beispiele zu nennen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch Israel Nash hat seit seinem Debüt einen gewissen Image-Wandel durchlaufen: Blickt man auf seinen ersten beiden Alben „New York Town“ (2009) und „Barn Doors and Concrete Floors“ (2011), auf denen er noch mit vollem Namen als Israel Nash Gripka auftrat, hat man von der Musik über die Cover-Gestaltung bis zu den Videos noch eine Anmutung von eher traditioneller Roots-Musik aus den Hinterwäldern – da wird gezupft, geschrammelt und Mundharmonika gespielt.

          Stellt man daneben sein jüngstes Video „Lucky Ones“, reibt man sich die Augen: Aus dem dicklichen Zausel ist ein selbstbewusster Southern-Rocker geworden, der nun aussieht wie ein jüngerer Bruder von Gregg Allman und in seinem weißen Jeans-Look fast schon etwas von einem Hipster hat – sofern in diesem Genre davon die Rede sein kann.

          Das Lied schwebt so leicht dahin wie ein Eagles-Hit der siebziger Jahre und kommt einem solchen im Refrain („Takin' it easy...“) auch ganz schön nah. Ein Schuss vom Harmoniegesang der Band America ist auch noch darin – wenn man Nashs Rolle aus dem zugehörigen Musikvideo als eine Art „nutty professor“, der mit einem Mikrophon seltsame „field recordings“ in der amerikanischen Pampa macht, einen Moment lang ernstnimmt, könnte man darin eine Metapher für das Abhören und Wiederverwerten musikalischer Tradition sehen. Nash weiß offenbar ganz gut, wie tief er in ihr verwurzelt ist.

          Spät-Hippie-Star mit Gospelbezügen

          Auf seinen beiden großartigen Alben „Israel Nash's Rain Plans“ (2013) und „Israel Nash's Silver Season“ (2015) war eine der wichtigsten Bezugsgrößen noch Neil Young, mit dem er auch gewisse Ähnlichkeiten pflegt: Dessen schwelgerischen Rock mit zerbrechlich dünnem Gesang hatte er darauf einfach noch ein bisschen schwelgerischer, wattiger gemacht – ganz und gar eingesponnen in die Klänge von Pedal-Steel-Gitarren. Das dann auch vorgetragen mit einer famosen Live-Band hat Nash von einem Gehimtipp zum angesagten, gern auf Festivals gebuchten Spät-Hippie-Star gemacht.

          Mit dem neuen Album vertieft er stellenweise nochmal diese Tradition („Sweet Spring“ könnte tatsächlich auch von einem jüngeren Neil-Young-Album stammen), gießt aber süße Soße drüber. Die Gospel-Anklänge im Albumtitel „Lifted“ wirken in diesem Licht fast schon etwas ironisch, da Nash derart siegessicher gen Himmel schwebt, dass man denkt: Der braucht nicht mal mehr die von Led Zeppelin besungene Rolltreppe.

          Definitiv zu zuckrig ist etwa das Lied „Looking Glass“ geraten, bei dem im Hintergrund einige fast schon an Burt Bacharach erinnernde Bläser und Streicher den Pedal-Steel-Gitarren Konkurrenz machen. Dadurch entsteht eine opulente Überproduktion, die hoffentlich nicht die Zukunft oder das Ziel von Nashs Musikerkarriere darstellt. So bombastisch wird dieser Song am Ende, dass man sich fast die Ohren waschen möchte.

          Da denkt man fast schon wehmütig an seine „Rain Plans“-Phase zurück, in der Nash auf der Höhe seiner Kunst schien - und wie hier im Video zu sehen damit das Dach der „Electric Lady Studios“ in New York erreicht hat. Höher hinaus muss er gar nicht, das ist schon beachtlich genug.

          Zum Glück geben auf der neuen Platte Stücke wie „Strong Was the Night“ und „Golden Fleeces“ doch noch eine Ahnung von dieser Phase und lassen hoffen, dass Nash sie, allen Vermarktungsstrategien zum Trotz, auch selbst noch nicht vergessen hat.

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