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Album der Woche : Wozu Roboter tanzen, ist noch nicht ausgemacht

  • -Aktualisiert am

Gestatten, mein Name ist Diskokugel: Die Szene aus dem Musikvideo zu Tame Impalas Lied „’Cause I’m A Man“ darf man wohl als Anspielung auf die Gruppe Daft Punk verstehen. Bild: Universal Music

Vom schluffigen Rock zum fluffigen Pop: „Currents“, das neue Album der australischen Band Tame Impala, reizt produktionstechnisch alle Möglichkeiten aus, verliert sich allerdings etwas im Artifiziellen.

          3 Min.

          Zwei phantastische Songs gibt es auf dieser Platte. Der Auftakt „Let It Happen“ hat einen unwiderstehlichen, retrofuturistischen Groove, die Musik klingt zwischendurch, als käme sie von nebenan, mündet dann in ein dramatisches Streicherintermezzo, bringt Roboterstimme, allerlei Filtergeräte und extraterrestrische Synthesizergirlanden in Anschlag, und zum Schluss darf sogar eine elektrische Gitarre dazwischenfunken. Letzteres bleibt allerdings die Ausnahme auf „Currents“, dem dritten Album von Tame Impala, mit dem die australische Band um Kevin Parker eine Neujustierung wagt: weg vom schluffigen Rock in der Tradition psychedelischer Spielarten der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, hin zum fluffigen, tanzbaren Pop mit allem Pipapo.

          Produktionstechnisch setzt das Album Maßstäbe. Durfte bei den Vorgängeralben „Innerspeaker“ (2010) und „Lonerism“ (2012) noch Flaming Lips-Produzent Dave Fridmann letzte Hand anlegen, ein Meister der schrägen und schrillen Töne, hat Parker diesmal alles allein gemacht, vom Songwriting über die Aufnahme – er hat auch alle Instrumente selbst gespielt – bis zum Mix. Das war möglicherweise ein Fehler.

          Zwar gelingt mit „The Less I Know The Better“ dem Multiinstrumentalisten noch ein zweiter Geniestreich, angetrieben von einer findigen Basslinie, so funky, dass Tanzzwang herrscht. Das Thema: unerwiderte Gefühle. Ein Dauerbrenner also, wenn auch textlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Überhaupt ist festzustellen, dass Parker zwar ein Gespür für Melodien hat, in dem, was er singt, aber gern zum Nebulösen oder gar Belanglosen tendiert.

          Doch so ausgefuchst die beiden Songs arrangiert sind, so zwingend ihr Pop-Appeal ist, lässt sich an ihnen auch aufzeigen, was auf „Currents“ schiefläuft. Zum einen ist da der hypertrophe Einsatz künstlerischer Mittel. Nahezu jedes Stück des Albums wirkt wie auf Hochglanz poliert, soundtechnisch und bezüglich der Stilanleihen so perfekt austariert, dass der Hörer beim weltflüchtigen Schwelgen nie aus dem Gleichgewicht gerät – was schade ist und woran auch der eine oder andere Kraftausdruck nichts ändert.

          Virtuosentum mit Disco-Hüftschwung

          Der Musik fehlt die Luft zum Atmen, das verstörende Moment, wofür eben jener Dave Fridmann ein Händchen hat. Vieles klingt, wie manch kompliziert gemixter Cocktail schmeckt: interessant. Auf Dauer jedoch drohen Kopfschmerz und Überdruss. Jeder ach so clevere Kunstgriff verweist am Ende darauf, was der Urheber alles kann, was mit genügend Geduld und Detailversessenheit heutzutage möglich ist. Und möglich ist vor allem die makellose Anverwandlung althergebrachten Gepräges, vom Disco-Hüftschwung bis zur Synthie-Schnulze („Yes I'm Changing“): alles eine Frage von Fleißarbeit und Studiovirtuosentum. Daft Punk können ein Lied davon singen, die halbe Welt kann mitsingen. Dass der Tänzer im Tame Impala-Video zu „'Cause I'm A Man“ eine Discokugel anstatt eines Kopfes trägt, darf als Reverenz an die beiden French House-Experten verstanden werden. Einen entscheidenden Unterschied gibt es: Während jene konsequent mit Robotermasken auftreten und sich selbst als Kunstfiguren stilisieren, tritt Parker gern mit Hippie-Haartracht und Vollbart in Erscheinung. Die Aufregung um beide Gruppen jedenfalls mag sich damit erklären, dass sie, aus entgegengesetzten Richtungen kommend, eine Synthese aus Rock- und Tanzmusik anstreben. Fragt sich nur, zu welcher Musik Roboter dereinst tanzen werden.

          Zum anderen ist da Kevin Parkers Stimme, die auf diesem Album selbstbewusster in Szene gesetzt wird. Sie ist hoch, wird gelegentlich verzerrt, oft mit viel Hall belegt. Daran ist nichts auszusetzen. Sein wenig ausdrucksstarker Falsettgesang führt indes zu einer immer ähnlichen, schwülstigen bis kitschigen Atmosphäre. Er ist eben nicht der Prince der achtziger Jahre, weswegen man sich daran ebenso rasch satthört wie an den prachtvoll ausgerollten Klangteppichen von Stücken wie „Past Life“ oder „Love/Paranoia“, dem akribischen Tschingderassabum, den zuverlässig ins Sphärische abdriftenden Refrains.

          Häufig drängt sich bei den dreizehn Songs der Verdacht auf, es gehe in erster Linie um das Sounddesign, den maßstabsgetreuen Nachbau, nicht aber um Originalität oder irgendeine Dringlichkeit. Aus der zahmen Antilope im Bandnamen ist ein fleißiges Bienchen geworden. Im Gegensatz dazu verliert sich eine Band wie Yeasayer, die vor einigen Jahren dieselbe Richtung eingeschlagen hat wie jetzt Tame Impala – freilich weitaus weniger erfolgreich –, nicht im Ungefähren und Artifiziellen. Künstlichkeit, die glatte Oberfläche, ist in der Popmusik ja nicht unbedingt ein Makel, schon gar nicht in jener, die in die Clubs drängt. Doch eines darf sie niemals: langweilen.

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