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Album der Woche : Die mit den Flöten hupen

  • -Aktualisiert am

Unheimliches Vaudeville-Theater der Zukunft: Die englische Band Pram Bild: Scott Johannsson

Die experimentelle Popgruppe Pram erschafft Soundtracks zu B-Movies, die es nicht gibt – in einer ebenso beklemmenden wie fidelen Melange aus Jazz, Post-Punk und Krautrock.

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          Steckte doch nur jeder Künstler, ob Musiker, Maler oder Schriftsteller, sich solche Ziele! Was bliebe einem alles erspart: das dritte Garagenrockrevival, die nächste neo-neo-expressionistische Stadtansicht, der hundertste Generationenroman vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. In ihren Anfangstagen, Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, stellte die englische Band Pram eine schlichte Regel für sich auf: Wenn ein Bandmitglied meinte, das eigene Schaffen erinnere an irgendetwas schon dagewesenes, beförderte sie es in den Orkus. So einfach, so schwierig. Fehler nimmt man billigend in Kauf, wenn man Musik nach eigenen Regeln machen will.

          Selbstredend steht auch die Truppe um die beiden Multiinstrumentalisten Matt Eaton und Samantha „Sam“ Owen, die zudem den Gesangspart übernimmt, in der Tradition gewisser Vorbilder. Sie zeigt sich beeinflusst vom Post-Punk der Raincoats oder The Fall, von der experimentellen Rockmusik von Sonic Youth, von den Slits, vor allem aber von Krautrockern wie Can und Faust, von Avantgardisten wie The Residents, von Reggae, Jazz und der Filmmusik alter Schule. Was zählt, ist, nicht in deren Fußstapfen zu treten, sondern neue Wege zu beschreiten. Und trotz der Vielzahl an Inspirationsquellen und Instrumenten kein musikalisches Kuddelmuddel zu fabrizieren; immerhin kamen neben dem üblichen Kladderadatsch oft auch Theremin, Glockenspiel und Spielzeugklavier zum Einsatz.

          Elf Jahre nach ihrem letzten Album und inzwischen ohne Gründungsmitglied und Sängerin Rosie Cuckston erscheint nun also wieder etwas Neues von Pram, deren Debütalbum „The Stars Are So Big, The Earth Is So Small … Stay As You Are“ (1993) manch ein Kritiker gar für das beste Album der Neunziger hält. Über den Status des Geheimtipps sind Pram dennoch nicht hinausgekommen. Nicht nur ein Hit fehlte, sondern auch eine eigene Website.

          Für „Across The Meridian“ traf sich die vierköpfige Band mit Hang zu Maskerade und extravaganter Garderobe in den abgelegenen Foel Studios in Wales, um erste Songskizzen aufzunehmen und zu improvisieren, bevor sie das Album in ihrem Studio in Birmingham fertigstellte. Es beginnt mit einem Instrumentalstück, getragen von einer Blechbläser-Melodie, die wie unheimliches Gelächter klingt und lange nachhallt. Das Stück entwickelt sich zu einem retrofuturistischen Jazz-Pallawatsch erster Güte, begleitet von einem nostalgisch animierten Video, das hierzulande Erinnerungen an die Gutenacht-Filmchen des Sandmännchens weckt. Überhaupt klingt das Ganze nach einer somnambulen Episode, die mit „Thistledown“ und „Electra“ – dank der jenseitigen Klänge einer manipulierten Flöte – immer beunruhigender wirkt. Ein Kopfkino der Angstlust und der Sehnsucht, wie es zuletzt nur Get Well Soon mit „The Horror“ und freilich ganz anderen Mitteln inszenierte.

          Danach jedoch tritt die Platte kurzzeitig auf der Stelle. Zu gemütlich machen es sich die Musiker in der teils exotischen, teils psychedelischen Klangteppichmanufaktur, bis sie mit der räudigen Kellerjazz-Nummer „The Midnight Room“ noch einmal Fahrt aufnehmen. Auch das gespenstische „Doll’s Eyes“ weiß im Breitwandformat mit einer betörenden Klimaxbildung zu überzeugen.

          Ist das nun alles neu und unerhört? Strukturell beileibe nicht, im klanglichen Detail aber schon, durch Verfremdung, entlegene Samples und verquere Spielweisen. Wer so lange im Geschäft ist, kann sich nicht jedes Mal komplett neu erfinden. Und jene, die behaupten, das zu tun, lügen sich selbst in die Tasche. Es geht darum, es zu versuchen und schöner zu scheitern, um gelegentlich aus der Zeit zu fallen. Originalitätssucht allein bringt einen nicht weiter. Pram haben ihren Sound einerseits verfeinert, andererseits den Abgang von Rosie Cuckston nicht ohne Substanzverlust weggesteckt. „Across The Meridian“ ist zugänglicher als die Alben zuvor, meist darauf aus, den Körper in Bewegung zu versetzen, aber auch eine Spur gleichförmiger und berechenbarer.

          Von einer Anbiederung an den Massengeschmack kann indes keine Rede sein. Pram entwerfen Soundtracks für B-Movies, die es nicht gibt. Sie knüpfen stilistisch und atmosphärisch an billige Science Fiction und die obskureren Ecken des Spionagethrillers an und verleihen ihrer Musik durch die ungewöhnliche Instrumentierung und das spannungsreiche Arrangement eine geradezu visuelle Qualität. Eine enorme Suggestivkraft geht von den detailversessenen Kompositionen aus. Ein Theremin bittet zum Duett im Vaudeville-Theater der Zukunft. Eine Kirmesmelodie schwillt derart bedrohlich an, dass jedem Clown das Grimassenschneiden vergeht. „Across The Meridian“ führt den Hörer in fremde, seltsame Welten, die nicht unbedingt besser und liebreizender sind als jene, in der sie zu Hause sind. Eine Reise wert sind sie allemal.

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