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Album der Woche : Ein Abend mit dem Schwindler

  • -Aktualisiert am

Am Broadway stand er ganz allein auf der Bühne, sämtliche Vorstellungen waren ausverkauft: Bruce Springsteen. Bild: AP

Was ist er nun – epischer Erzähler, Schauspieler, Stand-up-Comedian? Das Album zu Bruce Springsteens Gastspiel am Broadway zeigt all diese Facetten und überzeugt mit emotionaler Offenheit.

          Auf der Bühne des abgedunkelten Walter Kerr Theatre steht der Musiker des Hauses, fast wie ein Roadie in schwarze Schuhe, schwarze Hose und schwarzes T-Shirt gekleidet, und stellt sich seinen Gästen vor. „I come from a boardwalk town where everything is tinged with just a bit of fraud. So am I.“ Wie um den nächsten zweieinhalb Stunden einen Disclaimer voranzustellen – alles frei erfunden –, positioniert sich Bruce Springsteen gleich zu Anfang als Spinner feinsten Songwriter-Garns; als jemand, der sich in gelegentlicher Ermangelung dramatischer Begebenheiten kurzerhand Geschichten ausdenkt, die gefühlte oder erwünschte Wahrheiten ausdrücken. „That’s my magic trick“, bekennt er. „And like all good magic tricks, it begins with a setup.“

          Zunächst eine Zeitreise. Springsteen spielt „Growin‘ Up“, von seinem ersten, nach besagter Küstenstadt benannten Album „Greetings from Asbury Park, N.J.“ (1973). Zwei Strophen hören wir, bevor der Musiker ein paar Schritte vom Mikrofon wegtritt und wieder zum – ja, wozu eigentlich wird? Zum epischen Erzähler? Zum Stand-Up-Comedian? Zum Schauspieler? Im Laufe des Abends ist er ein bisschen etwas von allem. Er timet souverän seine Witze, genießt das eigene Mienenspiel, wird aber auch ernst, wenn sein Thema es wird. Jetzt, direkt zum Publikum sprechend, setzt er seine selbstironische Beichte fort. Er habe diese ganze, kommerziell absurd erfolgreiche Karriere darauf gegründet, über die Schicksale einfacher Leute zu schreiben, ohne selbst ein solches gelebt zu haben: „I’ve never held an honest job in my life. I’ve never done any hard labor … I’ve never worked five days a week until right now.“ Gelächter im Saal. „I don’t like it!“

          Ein Dreivierteljahr ist Bruce Springsteen schon am New Yorker Broadway in Residenz, als die Aufnahme an zwei Abenden im Juli 2018 entsteht. Aus den anfangs geplanten sieben Wochen, die er das knapp tausend Zuschauer fassende Theater bespielen sollte, wurden bald neun Monate, dann, weil die Nachfrage nicht nachließ, vierzehn. Der nimmermüde Springsteen tourte nicht mehr durch die Welt, sondern führte ein sesshaftes Künstlerdasein. Wie er über seine eigene Arriviertheit witzelt: „I’m Mr. Born to Run … I currently live ten minutes from my hometown.“ Vergangene Woche hat er seinen Broadway-Run schließlich beendet. Zum Abschluss erschienen eine Doppel-CD (Columbia) und ein zugehöriger Konzertfilm (Netflix).

          Die siebzehn darin enthaltenen Songs sind meist von längeren gesprochenen Interludien unterbrochen, die Springsteen lose seiner 2016 erschienenen Autobiographie „Born to Run“ entnimmt. Trotz ihrer Schriftlichkeit wirken sie aber nicht überprobt, denn Springsteen besitzt die theatralische Fähigkeit, sein eigenes Skript spontan erscheinen zu lassen. Er flüstert mal, brüllt mal herum, schwelgt in tausendmal gesungenen Erinnerungen, und doch merkt man, solange man nicht gerade im Buch nachschlägt, nicht, dass man es zum Teil mit vorformulierten Erzählstücken zu tun hat. Zum träumerischen Klavierintro von „My Hometown“ (1984) etwa schildert Springsteen mit routinierter rhetorischer Dynamik den Eskapismus seiner Kleinstadtkindheit: versonnene Stunden auf den Ästen der Rotbuche im elterlichen Vorgarten, geschwisterliche Versteckspiele auf dem katholischen Friedhof von Freehold, New Jersey.

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