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Album der Woche : Überschreiten Grenzen, brauchen Platz zum Dancen

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Mit „Keine Nacht für niemand“ haben Kraftclub eine interessante Interpretation von Konzeptalbum vorgelegt. Mit einem fatalen Problem. Bild: Philipp Glasdome

Kraftklub klingen auf ihrem neuen Album wie die Parodie einer im Mainstream gelandeten Punkband, die sich durch Anleihen aus Hiphop und Gangster-Rap neue Publikumskreise erschließen will.

          „Ich will nicht nach Berlin“ war der Slogan, mit dem Kraftklub der Durchbruch gelang. Ein Statement für die Provinz war damals offenbar das nötige Minimum an Rebellion, mit dem eine junge Band 2011 bereits für sich beanspruchen konnte, Punk zu sein. Dabei machen die fünf Männer aus Chemnitz gar keinen Punk. Auch die Etiketten Hiphop, Rock oder deutschsprachiger Indie-Pop treffen es nicht. Zwischen den Stühlen haben Kraftklub es sich bequem gemacht. Wahrscheinlich ist es die Mischung aus Randale, weißen Poloshirts und schrammeligen Gitarren, die den Erfolg ausmachen.

          Die Anmaßung, sich in eine assoziative Reihe mit Ton, Steine, Scherben zu setzen, indem man sein Album „Keine Nacht für niemand“ nennt, ist für Kraftklub also nur konsequent. Und das, gerade weil Frontmann Felix Brummer in „Meine Stadt ist zu laut“ schon vor drei Jahren rappte „Wir sind hier nicht bei Rio Reiser, gehst Du schon? / Hier ist nichts besetzt, außer meinem Telefon“, womit er mehr ironisch als wütend den Ausverkauf seiner „Karl-Marx-Stadt“ besang.

          Doch selbst mit dem Widerstand gegen die Landflucht oder Mieterhöhungen in Chemnitz ist es nun vorbei. Auf „Keine Nacht für niemand“ werden Songs über diese eine, besondere Nacht (ungerade Titel) brav mit rockballadenhaften Liebesliedern (Song 2, 4, 6 und 8) abgewechselt. Eine interessante Interpretation von Konzeptalbum. Das Fatale daran: Selbst das Carpe Noctum nimmt man den Mittzwanzigern nicht ab. Zeilen wie „Reiche Kinder laufen los / und kaufen Koks / Du hast ein Haus und Boot / Ich hab‘ Hausverbot“ aus der Graffiti-Hymne „Hausverbot (Chrom & Schwarz)“ klingen selbst wie die Parodie einer im Mainstream gelandeten Punkband, die sich durch Anleihen aus der Hiphop-Kultur und einer Handvoll Understatement neue (noch jüngere?) Publikumskreise erschließen will: „Wir haben kein Interesse an Sneakern oder Kunst / Die Meisten feiern ihre Feste lieber ohne uns / Wir kennen keine Grenze / ein, zwei Getränke / dann malen wir Schwänze / Mit Edding an die Wände“. Als Titel für die nächste Kraftklub-Platte böte sich in diesem Sinne „Popel-Gang“ an. Aktueller ginge auch „Gute Laune der Natur“ - oder ganz klassisch: „Campino“.

          Exzessives Bedürfnis eines wütenden Bürgers

          Einzelne Zeilen herauszugreifen und draufzuhauen, ist natürlich einfach. Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass die Band bislang zurecht für ihre klugen Texte gefeiert wurde, bleiben nach dem Hören des dritten Albums Fragen offen. Dass die auftaktige Gitarrenmusik sich mittlerweile immer stärker ähnelt: geschenkt. Aber was wollen Kraftklub, wenn ihnen für Punk sowohl die inhaltliche als auch die musikalische Durchschlagskraft abgehen? Beherrschen sie auch den Pop, der sich nicht nur zwischen den Genres bewegt, sondern ein Dazwischen der Gefühle ermöglicht? Ein Sowohl-Als-Auch, das Hörer auszuhalten erst lernen müssen, dann aber nie mehr dieses eine Album vergessen?

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