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Album der Woche : Surrealer Straßenfeger

  • -Aktualisiert am

Neun Studioalben, ein Weg: die texanische Rockband Spoon Bild: dpa

Die texanische Rockband Spoon lässt die Rockmusik immer weiter hinter sich. Auf „Hot Thoughts“ klingt sie manchmal nicht mehr wie sie selbst. Das ist allerdings kein schlechtes Zeichen.

          Ist dem Meister des Grauens hinsichtlich seines Musikgeschmacks zu trauen? Immerhin hat er nicht nur eine Ahnung davon, wovor viele sich fürchten, sondern auch davon, was vielen gefällt. Andernfalls würde niemand seine Bücher kaufen. Für Stephen King also war „I Summon You“ von Spoon tatsächlich einmal das Lied des Jahres. Er habe den Song zwar nie ganz verstanden, sei seiner aber auch nicht überdrüssig geworden, schreibt er und stellt die These auf, dass sich die besten Songs der Analyse und Deutung widersetzen. Das ist jetzt über zehn Jahre her, und seitdem hat sich die Band aus Austin, Texas, mit jedem Album weiterentwickelt, immer deutlicher weg von dem, was man mangels besserer Beschreibungsmodelle Indie-, Alternative oder auch Art Rock nannte. Für ihre neue Platte haben Spoon sogar die akustische Gitarre an den Nagel gehängt, jenes Instrument, das „I Summon You“ und vielen anderen ihrer Stücke bei aller Sprödigkeit etwas Leichtes und Lichtes mitgab.

          In ihrer Heimat brachte ihnen ihr Gespür für ebenso eingängige wie widerborstige Melodiephrasen regelmäßig einen Platz in den Top Ten ein. Hierzulande jedoch hält sich der Ruhm der Gruppe um Sänger Britt Daniel in Grenzen. Die Charts in Deutschland sind im Schnitt nun einmal einen Tacken konventioneller als in den Vereinigten Staaten. Und konventionell ist die Musik von Spoon eben nicht, sondern jedes Mal von Neuem eine Aufforderung an den Hörer, sich auf das nächste Klangexperiment, die nächste kunstfertige List einzulassen.

          Radikal gehen sie dabei nicht vor, eher behutsam und durchdacht. Trotzdem lautet die Devise: Bloß kein Stillstand, bloß nicht formelhaft werden, gleichwohl es natürlich unveränderliche Kennzeichen gibt. Vertraut bleiben Daniels heiserer Gesang, die kargen Klaviermotive, das scheppernde Schlagzeug von Jim Eno und die elektrische, oft ruppige Gitarre. Letztere tritt auf „Hot Thoughts“, dem neunten Studioalbum von Spoon, weiter in den Hintergrund. Mogelt sie sich ausnahmsweise nach vorn, klingt sie alles andere als etepetete. Dafür machen sich Synthesizer, Drumcomputer und elektronische Störfeuer breit, wabernd, knurpsend, surrend. Mit Dave Fridmann, der bereits auf dem vor drei Jahren erschienenen Vorgängerwerk, „They Want My Soul“, mitmischte, haben Spoon dafür den richtigen Produzenten gewählt. Als Langzeit-Kollaborateur der Flaming Lips weiß er, wie man die Avantgarde und die Lust zu tanzen miteinander in Einklang bringt.

          Am besten funktioniert das in „First Caress“ sowie in dem Funk-Jam „Can I Sit Next To You“, der von einem befremdlichen Video in Schwarzweiß begleitet wird. Regie geführt hat der kanadische Künstler Marcel Dzama, der in der Populärkultur vor allem dank seiner Cover-Artworks für Beck, für „Guero“ und „Guerolito“, bekannt wurde. Seine Vorliebe für Surrealismus und Dada ist offenkundig: ein Tanz im Tierkostüm, Pünktchenkleider, eine Partie Schach, ein sechsäugiger Mann, eine Entführung, eine Schießerei – das Ganze ist ein lustiger Albtraum, eine Reminiszenz an Dzamas Stummfilm „Une danse des bouffons (or A Jester’s Dance)“ im Geiste Duchamps und David Cronenbergs.

          „Do I Have To Talk You Into It“ dagegen verbindet Rock, Disco und elektronischen Studiozauber zu einer stampfenden Tirade der Überredungskunst und Sprachlosigkeit: „And the words get stuck on the tip of my tongue / Feeling cut off from everyone“. Nun müssen einem die Worte im Mund ja nicht gleich wie modrige Pilze zerfallen. Wenn sie plötzlich rückwärts gesungen werden wie in „Pink up“, macht es die Kommunikation aber auch nicht einfacher. Das Stück ist vor allem deswegen interessant, weil Spoon ihrem Namen hier alle Ehre machen, obwohl sie dabei gerade nicht auf den für die Band typischen, brüchigen Sound zurückgreifen. Benannt nach dem gleichnamigen Song von Can, der Anfang der siebziger Jahre einen Durbridge-Straßenfeger ankündigte, fügen Spoon mit dem pulsierenden „Pink Up“ und einer ausgefuchsten Perkussion samt Bechertrommel und den Klängen einer Langhalslaute der Krautrock-Tradition eine zeitgenössische Facette hinzu. Überraschend ist zudem der Ausklang mit dem Instrumental-Stück „Us“, das rhythmische Motive aus „Pink Up“ wieder aufgreift, ins Zentrum allerdings ein inniges Saxophon-Solo stellt. Das gibt der Musik der Texaner eine vollkommen neue Richtung, hin zur Offenheit des Jazz. Die Zugänglichkeit des Pop bleibt dennoch gewahrt. Ein würdiger Schluss für ein ungemein vielseitiges Album voller Mehrdeutigkeiten, das genug unerklärt lässt, um unwiderstehlich zu sein.

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