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Album der Woche: Conor Oberst : Ganz unten ganz oben

  • -Aktualisiert am

Bild: Butch Hogan

Zwischen amerikanischem und afrikanischem Country: Der melancholische Strophenschmied Conor Oberst grundiert sein neues Soloalbum mit fröhlichen Township-Gitarren und weckt Erinnerungen an Paul Simons „Graceland“.

          2 Min.

          Wenn es einer emblematischen Erklärung dafür bedürfte, was „alternative Country“ ist, dann hätte man sie hier: „It’s lonely at he top“, singt Conor Oberst auf seinem neuen Soloalbum. Doch der Satz ist noch nicht zuende: „… of that upside down mountain“, lautet der Rest. Die Spitze eines kopfstehenden Berges: die muss wohl ziemlich nah an der Hölle sein, denkt man. Und dieses Inversions-Sprachbild gibt dem Album auch noch den Titel.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie die Stimme eines durch die Hölle gegangenen klingt die von Conor Oberst ja häufig, immer etwas gebrochen zumindest, manchmal auch nur heiser geschrien von den vielen endlosen Strophen. Der Mann ist ein Strophenschmied wie sonst nur noch Bob Dylan oder Leonard Cohen – es dürfen schon mal sieben oder acht sein, seine Lieder sind ausufernd episch und doch lyrisch höchst verdichtet und anspielungsreich so wie die der beiden großen Meister.

          Wie bei Cohen lungert in Obersts Liedern auch manchmal etwas dunkel Erotisches, wenn auch nur subtil angedeutet, etwa wenn er singt: „What would it take to gain acceptance / To the grounds behind your eyes / You know I’m open to suggestion / The one you made we never tried.“

          Es sind wahre Abenteuerromane, durch die Oberst seine lyrischen Ichs da oft hetzt, sie führen von sehr konkreten Szenen, in denen zwei Menschen am Ufer des Potomac stehen, in weite Assoziationsräume: Die Rede ist etwa von zerfallenen Städten, die noch schnell zu fotografieren ein Touristenführer aufruft, bevor es zu dunkel dafür ist.

          So manches Experiment

          Diese gewisse Endzeitstimmung, in der es immer darum geht, das Flüchtige noch festzuhalten, weil man schon weiß, dass die Welt am nächsten Morgen nicht mehr so rosig aussehen wird (man erinnert sich an das tieftraurige Lied „Lua“) - die kann Conor Oberst so einfangen wie niemand sonst.

          Bei ihrer musikalischen Ausdeutung hat Oberst, seit er neben seiner Band Bright Eyes auch noch Solo-Projekte verfolgt, schon so manches Experiment gemacht. An Country-Einflüsse lässt auch hier wieder die im Hintergrund weinende Pedal-Steel-Gitarre denken, die gelegentlich sogar Melodien wie aus einem alten Western intoniert: So bei dem auf Flamenco-basierten „Artifact #1“. Und für zünftiges „Uh-huu“ sorgt, ebenfalls im Hinergrund, bei mehreren Liedern das schwedische Duo First Aid Kit.

          Raum für Hadern und Zaudern

          Ganz anders als bisher mutet aber eine Instrumentierung an, die man bei diesem Melancholiker wirklich nicht erwartet hätte: Mit dem charakteristischen Sound einer afrikanischen Township-Gitarre gibt Blake Mills dem Album eine Note, die stark an Paul Simon’s „Graceland“ erinnert. Wie bei diesem, so verbindet sich auch hier damit ein Chickaboom-Rhythmus und erzeugt von neuem jene immer noch zündende Mischung aus amerikanischem und afrikanischem Country - so fröhlich wie bei „Hundreds of Ways“ oder „Kick“ hat man den ewig mit sich und der Welt hadernden Sänger aus Nebraska wohl noch nie gehört, auch wenn die Texte freilich den einen oder anderen doppelten Boden haben.

          Für sein Hadern und Zaudern gibt es dann noch genug Raum bei wiederum lyrisch brillanten Stücken wie „Desert Isalnd Questionnaire“ oder „Night at Lake Unknown“. So kann man über dieses vielseitige Album vielleicht mit einem deutschen Liedermacher sagen: Es klingt wie der Abend vor dem Morgen danach.

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