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CD der Woche: „Yeezus“ von Kanye West : Poppolitikpoltern

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „New Slaves“ Bild: Universal

Hip-Hop als Sprachrohr für Schwarze? Das war einmal. Kanye West macht aus ihm einen fiesen Scherz für Weiße. Sein Album „Yeezus“ ist eine geniale Mogelpackung.

          Musikalische Gattung, literarische Form, didaktisches System, Industriezweig: das alles ist Hip-Hop. Die Stars des Genres haben sich vom Tanzbärenimage emanzipiert, auch wenn in Rap-Videos weiterhin Party gemacht wird, als wäre der Kapitalismus nur dazu da, Whirlpools und Champagner für entsprechende Kulissen zu liefern. Es gibt nach dem Jazz keine andere Kunstform, die so deutlich amerikanisch wäre und dabei so anschlussfähig an andere, internationale Idiome ist.

          Hip-Hop spielt auf allen Kontinenten, und weil in Rap-Songs sehr viel geredet wird, ist diese Musik immer auch ein Nachrichtensystem und Archiv. Der Musiker Chuck D nannte Rap einmal das CNN der Schwarzen, und womöglich gilt das noch heute. Es ist wahrscheinlicher, dass Jugendliche aus der Bronx ihr Weltverständnis über Rap-Texte ermitteln als mit der Lektüre der „New York Times“.

          Hip-Hop hat sich mit seinem Erfolg immer wieder selbst geblendet, aber das Faszinierende an dieser Kunstform ist: Wenn dir der Bentleylack aggressiv in die Augen blitzt, dann setz dir eine Gucci-Sonnenbrille auf und schau noch mal genau hin - wie sehen die Verhältnisse aus, die dich hervorgebracht haben?

          Kanye West hat sich den Widersprüchen einer gelungenen Hip-Hop-Existenz gestellt wie kein anderer. Er produzierte Hits für Beyoncé, schrieb Gassenhauer für Jay-Z, dann kam eine Reihe Platten von narzisstischer Versponnenheit. Er experimentierte mit Stilen von Punk bis Elektor und nervte ein ganzes Album lang mit Autotune, dem technischen Deformieren der Stimme auf Quengelniveau. Parallel gab es spektakuläre Auftritte, gewagte Roben, exzentrische Entourage. Der Rapper als Dandy, der - ein Affront im schwulenfeindlichen Hip-Hop - schon mal eine Damenbluse zum Konzert anlegte. Spätestens durch die Liaison mit dem „Playboy“-Model und Dokusoap-Star Kim Kardashian wurde West zum gemeinsamen Fall von Feuilleton und Boulevard. Über Kanye West kann man beim Friseur spekulieren - wird er ein guter Daddy sein für das gerade von Kim geborene Baby? - oder im amerikanischen Seminar: Kanye West und die Tradition der Bürgerrechtsbewegung in der Popkultur.

          Das neue Album muss man vor dem Werdegang dieser schillernden Künstlerpersona hören. Es kommt als politisches Statement daher, mit dem kecken Titel „Yeezus“ wird schon mal die christliche Rechte herausgefordert, und die Songtitel suggerieren höchsten kritischen Einsatz: „New Slaves“, „Black Skinhead“, „I Am a God“. Ums Herr-und-Knecht-Verhältnis soll es also gehen und die Frage, wie das aussieht im nicht mehr neuen, aber immer wieder erstaunlich fiesen und unberechenbaren Kapitalismus. Auch der Sound: schroff, nicht radiotauglich. Mit wummernden Bässen, Herzfrequenzen aus dem Computer, kurz vor dem Infarkt. Dazu Synthesizer-Gesäge und -Greinen, die Orchestrierung eines Computerspiels könnte sich so anhören oder ein kunstsinniger Flipper-Automat.

          Aber was erzählt uns dieses Album? Die Themen sind jedenfalls erstaunlich fad. Der Narzissmus des Erfolgsmenschen, dessen Libido immer auch ökonomisch zur Debatte steht - wen begehrt er? Welche Medien profitieren davon? Vier von zehn Songs handeln von solchen Romanzen inklusive jenes sexistischen Rapper-Größenwahns, der zu Nancy Reagans Zeiten noch Entrüstungskomitees ins Leben rief. Heute nimmt man solche Anwürfe hin; wir sind gewohnt, Pornographie als Kollateralschaden einer liberalen Gesellschaft zu sehen (oder sie zur Kunstform zu verklären).

          Die politische Agenda ist der Anspruch, den sich „Yeezus“ selbst anheftet wie ein Markenlogo. Aber nur weil zwei Stücke den Billie-Holiday-Song „Strange Fruit“ zitieren - die befremdende Frucht sind die gelynchten Schwarzen, die an den Bäumen hängen -, ist das noch keine Agitation. Und dass der erfolgreiche Schwarze in der Rolle des Konsumtrottels, dem man Sportwagen und Goldketten andrehen kann, eine rassistische Idee ist, das ist nun auch nicht neu.

          Er zersägt die Limousine zum Cabrio

          Kanye West ist zu klug, als dass er politische Kritik nicht von ihrer Simulation unterscheiden könnte. Er weiß womöglich auch, dass es nicht ausreicht, nach der Katrina-Katastrophe zu sagen: „George Bush hat kein Interesse an den Schwarzen“, um dann beim nächsten Juwelier Millionen teuren Schmuck für die Geliebte zu kaufen. Kapitalismuskritik von oben ist kompliziert, und die Träume vom autonomen, sich seiner Verwertung entziehenden Werk gleichen heute oft erschreckend genau den Glitzerszenarien des falschen Bewusstseins. Bei Kanye West führte das dazu, dass er in einem Video vor wehender Amerikaflagge einer Maybach-Limousine das Dach absägte.

          Viel interessanter ist das Marketing zu „Yeezus“. Vorab wurde ein Filmchen lanciert, das eine Szene des Skandalbuchs „American Psycho“ nachstellt. Im Original doziert ein Serienmörder über seinen Lieblingsmusiker, den Poprocker Huey Lewis, dann wird das Opfer tranchiert. In der neuen Version spricht der Mörder von Kanye West. Das Böse hat sich mit dem Konsum verschwistert, die Pathologie der Gesellschaft ist so trivial wie ein Popsong. Und wenn der nun von einem afroamerikanischen Künstler stammt - umso besser. Hip-Hop als Sprachrohr der Schwarzen? Jetzt ist er auch ein fieser Scherz für Weiße.

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