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CD der Woche: Wilco : In den Krach muss man sich hineinsteigern

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „You Never Know“ Bild: Nonesuch (Warner)

Rock oder nicht Rock, das ist bei „Wilcos“ siebtem Studioalbum die Frage. Die für die Verhältnisse der Band eher kurze Platte ist ein Dokument der Verfeinerung, ohne große Überraschungen. Das Album ist nur selten mitreißend, jederzeit beeindruckt aber die Perfektion und Kontrolle.

          4 Min.

          Wilco sind eine der wenigen Bands, auf deren neue Platten eine in sich längst gespaltene, den unterschiedlichsten Stilen zusprechende Kritikerschaft insgesamt immer noch recht gespannt ist. Sie haben die Rockmusik erweitert, transzendiert, aufgehoben, negiert. Der Post-Stempel (im Sinne des „Post-Rock“) prangt so unverkennbar an Jeff Tweedys breitem Schädel, dass sich niemand dem Verdacht der Rückständigkeit aussetzt, der sich für seine Musik interessiert. Selbst die altmodischsten Kritiker können die Entwicklung, die der wenig duldsame Personalchef als Songschreiber und Instrumentalist genommen hat, ohne Befremden, eher noch mit Bewunderung verfolgen, weil Tweedy ihnen das Gefühl gibt, sie urteilten durchweg auf der Höhe der Zeit, wenn sie sich über ihn äußern, auch wenn Wilco immer noch als Traditionalisten gelten.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Dies sind sie seit „Yankee Hotel Foxtrot“ nur noch in einem sehr eingeschränkten Sinne, der kaum noch etwas mit der Musik zu tun hat, sondern eher mit der Tatsache, dass hier ihre oder sagen wir lieber: Tweedys dauernde Suchbewegung nach einem Stil, der allenfalls zufällig noch etwas mit dem Begriff „Rock“ zu tun hat, an die Oberfläche kam. Das war ungefähr so, wie man einem Radiosender herumdreht, bis man den richtigen Sound gefunden hat - ein Effekt, den diese Platte auch klanglich nachzubilden suchte. Diese Platte vom Frühjahr 2002 bedeutete eine Abkehr von fast allen bisherigen Spielweisen und markierte einen Bruch, welcher der Band aber einen Schub verpasste, den die drei zuvor erschienenen Alben zusammen nicht erzielten.

          Ein fast beängstigend präzises Spiel

          Tweedy nutzte dabei die Gelegenheit, den letzten noch verbliebenen Mitspieler, der den alternativen Countrysound mitgeprägt hatte, loszuwerden (den unlängst verstorbenen Jay Bennett, F.A.Z. vom 27. Mai) und schlug auf den folgenden beiden Platten „A Gost Is Born“ und Sky Blue Sky“ einen Kurs ein, der oberflächlich betrachtet eine Wiederannäherung an die alten Klänge sein mochte, Tweedys Ideen in Wirklichkeit aber noch radikalisierte: ein ungemein vielseitiges, dabei fast beängstigend präzises Spiel, in dem gefällige Melodien und Harmonien genauso ihren Platz hatten wie abrupteste Wechsel und die rüde Lärmorgie, in die die meisten Lieder am Ende ohnehin übergingen (F.A.Z. vom 19. Juni 2004 und 12. Mai 2007).

          Mit herkömmlichen Songstrukturen hatte das meistens nicht mehr viel zu tun, und doch klang es nach einem streng durchdachten Konzept, in dem es, der oft wie unkontrolliert hervorbrechenden Kakophonie zum Trotz, keine freie Note mehr zu geben schien. Dies trug mit dazu bei, dass Wilco-Musik seit „Yankee Hotel Foxtrot“ an Wärme und Kommunikationskraft eingebüßt hat und eher unter dem Aspekt technischer Könnerschaft imponiert, auf die Tweedy seine sorgfältig ausgewählten neuen Mitstreiter mit aller Gewalt eingeschworen haben muss; anders ist ein solch homogener Ensembleklang kaum zu erklären. Im Rückblick versteht man auch die Anekdote besser, die Karl Bruckmaier aus einem zu Zeiten von „Being There“ und „Summer Teeth“ geführten Interview berichtete, der Tweedy in wohlmeinender Absicht sagte, wie sympathisch es ihm sei, dass Wilco nie Angst hätten, sich lächerlich zu machen, woraufhin Tweedy augenblicklich einschnappte: „You say, we're not cool or what?“

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