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CD der Woche: Wilco : In den Krach muss man sich hineinsteigern

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Die siebte Studioplatte ist jedenfalls ein Dokument der Verfeinerung, das insofern wenig Überraschungen bereithält - eine für Wilco-Verhältnisse eher kurze, knapp dreiviertelstündige Platte, die im Titel Bescheidenheit oder Größenwahn signalisiert, je nachdem: „Wilco (the album)“. Das der in affektierten Klammern stehende Zusatz ausdrücklich klein geschrieben ist, deutet weniger auf eine Namens-, vielmehr auf eine gleichsam schon kanonische Gattungsbezeichnung hin, und insofern ist es wohl doch eher Größenwahn: Es ist nicht ein Album, das zufällig „Wilco“ heißt, sondern das Album schlechthin, auch unter den sehr vielen anderen Alben, die nicht von Wilco sind.

Stolpern tut man auch über das Label: eine Torte, auf der „Happy Birthday“ steht, offensichtlich eine Grußadresse an „Let It Bleed“. Mit den Rolling Stones aber, die damals amerikanischer klangen, als es die Queen erlaubte, haben Wilco schon lange nichts mehr zu tun; der Blues wurde vor Urzeiten getilgt (wenn er überhaupt jemals zählte für diese Band) und der Rock, wie gesagt, inzwischen auch. Dass es dennoch ein wichtiges, gelungenes Album geworden ist, liegt an Tweedys Einfallsreichtum , der wieder alle Lieder geschrieben hat, der makellosen, in Neuseeland vorgenommenen Produktion (durch die Band selbst und Jim Scott) sowie abermals an der erstaunlichen Beherrschung aller Instrumente, über die im Booklet buchhalterisch-kauzig mitgeteilt wird: „Wilco playdes rock band and non-rock band instruments and sang.“ Zu den nicht rockkompatiblen gehört wahrscheinlich auch die Jazzgitarre von Nels Cline, die hier wieder Unglaubliches abliefert, beispielsweise die eleganten Läufe auf „One Wing“ oder die sich wie ein Raubtiergebiss ins Ohr schlagenden Akkorde auf „Bull Black Nova“, einem suggestiv-monoton puckernden Lied, das sich, passend zum darin verhandelten Blutrausch, in einen beachtlichen Krach hineinsteigert.

Kontrolle ist wichtiger als Vertrauen

Gleich mehrmals lassen es Tweedy und die Seinen ruhig angehen. „Deeper Down“, „You and I“ (im zärtlichen Duett mit Leslie Feist) und vor allem „Solitaire“ sind Meditationen von auffälliger Selbstversunkenheit, die mit persönlichen Bekenntnissen vorsichtig sind. „I'll Fight“ ist sicherlich der melodiös gefälligste Song während „You Never Know“ zumindest am Anfang, im Zusammenspiel zwischen Klavier und Gitarre, bei Ben Kwellers Meistersong „Run“ geklaut ist, so (dezent) mitreißend klingt er in seiner George-Harrison-wird-produziert-von-Phil-Spector-Haftigkeit - ein Eindruck, der dem Album ansonsten aber abgeht.

Wieder war Tweedy Kontrolle wichtiger als Vertrauen, und wem die Perfektion hier schon zu eisig ist, der mag sich versöhnen lassen mit der unlängst erschienenen „Wilco Live - Ashes Of American Flags“, auf der die Band ihr Repertoire zwar auch absolut fehlerfrei einspielt, die Selbstbeherrschung aber doch, der Bühnensituation entsprechend, hier und da aufgibt. Hervorzuheben wäre dabei wieder Nels Cline, der schätzungsweise drei Mal so schnell spielt wie früher Alvin Lee.

Dass aber die Band auf ihrem neuen Album ganz zutraulich anfängt und in „Wilco (the song)“ versichert „Wilco will love you, baby“, ist wohl eher ein Witz. Womöglich ist die für die Band eigentlich untypische Selbstreferentialität ein Wink an all die Fans, die es noch nicht getan haben, endlich nach der Bedeutung ihres Namens zu fragen, die sich aus „will comply“ ableitet, was sich umgangssprachlich übersetzen ließe mit „geht klar“. Das lässt sich von dieser Platte auch sagen, wenn nicht mehr.

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