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CD der Woche: Westernhagen : Ein Mann mit Risikoversicherung

  • -Aktualisiert am

Nach fast fünf Jahren hat Westernhagen wieder eine Platte gemacht - ohne seine alte Firma, aber dafür mit amerikanischen Vollprofis. Das Ergebnis kann sich hören lassen, und auf die Texte muss man ja nicht so genau achten.

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          Die Platte ist stellenweise so rockig, dass man ihn am liebsten wieder beim vollen Namen nennen würde, wenn er es wollte - ein nach der flauen „Nahaufnahme“ (siehe Wie Westernhagen seine neue CD vorstellt) ermutigender Befund. Aber dann muss man sich Folgendes anhören: „Und die Moral von der Geschichte/Du bist noch lang kein Poet,/schreibst du auch Gedichte/Und hast du erst einmal/die Unschuld verloren/Ist mit WE ARE THE CHAMPIONS/ein Arschloch geboren.“

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Marius Müller-Westernhagen schreibt keine Gedichte, zum Glück; aber seine Unschuld hat er längst verloren, spätestens, seit er selbst anfing, Stadionrockmusik zu machen, als deren Inbegriff der Queen-Titel „We Are the Champions“ gilt. Wenn man ihn heute, in Zeitungsinterviews oder neulich bei Beckmann, hört, wie er über seine mit der opportunistischen Hymne „Freiheit“ bestrittene Arenenpräsenz in der Saison 1989/90 spricht, dann hat man den Eindruck, dass ihm das peinlich ist. Aber ist das ein Grund, jemanden, der „We Are the Champions“ spielt oder hört, als A... zu bezeichnen? Es ist doch nur Rock'n'Roll, und auch er mag es, wie man nun wieder hört.

          Schon vergessen oder bloß ernüchtert?

          Vielleicht ist es wirklich so, dass Marius Müller-Westernhagen sich selbst fragwürdig geworden ist als der Rockmusiker, der vor zwanzig Jahren eben nicht zufällig der erfolgreichste deutschsprachige war; insofern wäre die urdeutsche Unflätigkeit angemessen. Aus den Stadien, die für jeden Musiker, der etwas auf sich hält, als der Ort des Sündenfalls zu gelten haben, obwohl noch niemand begründet hat, warum Massenpräsenz und -akzeptanz ausgerechnet in der Popmusik so schlimm sein sollen, hat sich Marius Müller-Westernhagen vor zehn Jahren verabschiedet. Er wollte überhaupt keine Konzerte mehr geben, hieß es. Aber dabei blieb es nicht, und wenn man sich die Spielstätten des Tourneeplans für den Herbst 2010 ansieht, dann wird man nicht annehmen, dass den dünnhäutig-scheuen Musiker, der er in Wirklichkeit ist, eine intime Atmosphäre erwartet: SAP-Arena, Olympiahalle, Westfalenhalle - das klingt nicht gerade unkommerziell.

          „Wir haben die Schnauze voll“ ist nicht nur wegen seiner Stadionrock-Tirade ein Schlüssellied des Albums „Williamsburg“, das eine mit viereinhalb Jahren durchaus altersgemäße Pause beendet. Es ist die im Zeitraffer abgehandelte und, wie immer bei Westernhagen, recht kryptisch geratene Geschichte vom Verlust der Rocker- und Politideale von den fünfziger Jahren („wir glaubten an Elvis“) bis in die Schröder-Ära („Medienpolitik“), deren Hofsänger der Duzfreund des Altkanzlers allerdings war. Schon vergessen oder, wie wir alle natürlich, bloß ernüchtert?

          Kein normannischer Kleiderschrank

          Es ist jedenfalls nicht nötig, einen Zusammenhang zwischen Erfolg und Moral zu konstruieren; das langweilt, und Westernhagen selbst tut es auch jedes Mal, wenn er sich zu philosophischen Äußerungen aufschwingt wie dem ungut chthonischen Schlusslied „Aus Dir Mutter“: „Wir kommen alle aus dir Mutter/Jeder ist mit jedem verwandt/Ja, wir sind alle deine Kinder/Menschen werden wir genannt.“ Doch das klingt für seine Verhältnisse noch schlüssig, anders als der Auftakt „Hey Hey“, quasi eine gesamtkulturelle Bestandsaufnahme, der man vielleicht zugute halten kann, dass sie wie Rap funktioniert, indem sie durch bloße Nennung von Dingen und Themen deren Beschimpfung schon vollzieht, die aber eigentlich hilflos wirkt: „Antidepressiva/MTV und VIVA/Wetten dass, Viagra/Deutschland Superstar“. Oder: „Heiliger Obama/Buddha oder Rama/Nationales Karma/Dann ein letzter Furz“.

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