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CD der Woche: Unheilig : Freiheit, wie der Graf sie versteht

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Das Leben ist schön“ Bild: Vertigo Berlin / Universal

Der Soundtrack zur Wahl Joachim Gaucks? Das neue Album von Unheilig enthält Musik jenseits der Beatles, Kinks und Freddy Quinns und liegt einfach im Trend.

          3 Min.

          Bevor er ihnen auf Bühnen entgegentrat, lackierte er sich die Fingernägel schwarz und setzte weiße Kontaktlinsen ein. Zu ausgesucht wuchtigen Keyboardfanfaren sang er: „Nackte Haut erregt durch Euphorie/zerfließt in Gier nach Hoffnung/umgarnt die Blasphemie“. Doch er hatte mehr vor, als seine Musik nur im abgrenzten Raum einer bestimmten Szene zu Gehör zu bringen. Er wollte auch etwas für jene tun, die schon gar nicht mehr die Kraft aufbrachten, ein Konzert von ihm oder anderen zu besuchen. Deshalb fragte er in Krankenhäusern und Hospizen an, ob er dort auftreten dürfe.

          Dass es in vielen Fällen bei der Anfrage blieb, lag am Bandnamen: „Unheilig“ klang zu furchteinflößend. Um das zu ändern, nahm sich der Graf auf einer seiner nächsten Platten näherliegender Themen an: Liebe, Menschen, der Tod und die Ewigkeit. Auf die Liebe kam er, indem er sich über Lieder Gedanken machte und dabei etwas herausfand: Wenn einer davon singt, wie schön es ist, verliebt zu sein, kann das Menschen sehr gefallen. Aber erst wenn dieses Glück endet, ergibt sich eine Situation, von der ein Publikum immer wieder hören will: Jemand ist weg.

          Nicht alle fühlen sich vom Verliebtsein angesprochen

          Jemand musste los. Jemand wollte nicht länger bleiben. Ein Sänger macht alles richtig, wenn er dafür wehmütige Worte findet. Damit hat er die Chance, einen weltweiten Monster-Hit zu landen. Elvis Presley ist das mit „Heartbreak Hotel“, den Beatles mit „Yesterday“ und den Rolling Stones mit „Angie“ gelungen. Beim Grafen heißt dieser Song „Geboren, um zu leben“.
          Auf das Thema Tod kam er möglicherweise nicht nur, weil sich entsprechendes biographisches Material angehäuft hatte, sondern auch aufgrund einer konzeptionellen Entscheidung. Der Graf hatte entdeckt, dass sich zwar viele Menschen von Liedern übers Verliebtsein und Verlassenwerden angesprochen fühlen, aber längst nicht alle. Das bekommt man nur mit zwei anderen Themen hin. Da es aber in der Popmusik bisher nur den Beatles mit „Taxman“ und den Kinks mit „Sunny Afternoon“ gelungen ist, erfolgreich über Steuern zu singen, blieb dem Grafen nur das andere Thema: der Tod.


          Das Thema Ewigkeit dagegen lag einfach in der Luft, das erkannte nicht nur der Graf, sondern auch seine Kollegen, wie zum Beispiel Selig oder 2-Raumwohnung, die ebenfalls davon sangen. Der Begriff muss nicht unbedingt ein tiefes metaphysisches Interesse anzeigen. In der Anrufung der Ewigkeit steckt vielmehr die Hoffnung, dass bei aller Vergänglichkeit, die von der Bandbesetzung bis zur Charts-Positionierung der letzten Platte alles betrifft, eins doch bitte bleiben möge, nämlich die Branche, in der die Bands tätig sind, die Plattenindustrie. Wenn also der Graf und seine Kollegen „Ewigkeit“ beschwören, machen sie sich selbst Mut, die sind Eigenmotivationskünstler. Mit dem Album „Große Freiheit“ und der Single „Geboren, um zu leben“, auf denen sich der Graf mit den beschriebenen Themen beschäftigt, wurde er 2010 zu einem der kommerziell erfolgreichsten Musikstars in Deutschland.

          Die Keyboard-Burgen müssen nicht verteidigt werden

          Der Titel des neuen Albums „Lichter der Stadt“ steht jetzt für die Veränderungen, die der Graf seitdem erfahren hat. Mit seinen Texten gibt er darüber Auskunft. Wie fühlt sich das Leben jetzt an? „Manche Tage sind wie Gold/So selten wertvoll rein“. Was machen Sie so als Berühmtheit? „Ich genieße dieses Leben.“ Und wie ist die Stimmung? „Keinen Wunsch will ich verschieben.“ Ihr Alltag hat sich bestimmt sehr verändert? „Die Zeit fliegt, viel zu schnell an uns vorbei.“ Wenn Sie heute einen Menschen neu kennenlernen, der Ihnen richtig wichtig wird, was sagen Sie ihm dann? „Ich will von dir kein Mitleid/Und auch kein wahres Wort/Nur ein Gefühl von Heimat an jedem fremden Ort.“ Dann auch die Frage: „So wie du warst“ heißt die erste Single Ihres neuen Albums. Spielt die Vergangenheit also nach wie vor eine wichtige Rolle für Sie? „Um zu verstehen, was heute ist, schau ich auf das, was war.“ Was gelingt Ihnen jetzt, was Sie früher nicht so gut konnten? „Ich öffne meinen Blick, sehe dem Leben zu.“


          Die verzerrten Heavy-Riffs bekommen unter diesen Zeilen nicht mehr so viel zu tun. Auch die Keyboard-Burgen müssen nicht mehr so kraftstrotzend verteidigt werden. Der eine oder andere Rezensent vernimmt eine gesangliche Orientierung des Grafen an Till Lindemann von Rammstein. Besonders in den ruhigeren Passagen von „Lichter der Stadt“ kommt aber mindestens noch ein gesanglicher Bezugspunkt dazu: Freddy Quinn. Der Geist seiner größten Hits wie „Junge, komm bald wieder“ oder „Heimweh“ schlägt auch in den neuen Stücken von Unheilig durch.


          Diese Mischung ist so einzigartig wie das Angebot, das sowohl die letzte Unheilig-Platte als auch die neue enthalten. Wir müssen nicht den Jakobsweg beschreiten, um uns zu fragen, wer wir sind und wenn ja, wie viele deutsche Seelen in unserer Brust wohnen. Der Graf trägt uns stattdessen mit seinen beiden Erfolgsplatten an, uns im Numinosen aufgehoben zu fühlen, dort, wo etwas Göttliches ist und wirkt. Diese Art von Religiosität passt in die Zeit. Als „Große Freiheit“ erschien, wurde wenige Monate später der Pastor Joachim Gauck erstmals als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Der Titel des Albums enthielt ja Gaucks Thema. Zwei Tage nach der Veröffentlichung von „Lichter der Stadt“ wurde Gauck zum Bundespräsidenten gewählt. Der Graf ist zur Zeit also sehr im Recht. Er ist der Sänger, der jedem, mag er oben oder unten, fleißig oder faul, arm oder reich sein, sagt: Du liegst richtig. Und das ist das Neue an ihm.
           

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