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CD der Woche: TV On The Radio : Der Sonne entgegen

  • -Aktualisiert am

TV On The Radio, die große Hoffnung des Independent-Pop, haben sich von New York aus nach Kalifornien aufgemacht. Das hört man: Auf ihrem neuen Album gibt es Musik mit Mumm und Gemüt.

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          Vor kurzem gab TV On The Radio bekannt, dass ihr Bassist Gerard Smith erkrankt sei. Auf ihrer Homepage herrschte damals noch Optimismus: „It might just be cancer that has the problem“, behauptete sie trotzig. Inzwischen ist Smith gestorben, am 20. April erlag er seinem Leiden, und ob es zu der geplanten Tour kommen wird, die die Band auch nach Deutschland hätte führen sollen, steht in den Sternen.

          TV On The Radio gelten spätestens seit ihrem Durchbruch mit „Return To Cookie Mountain“ als die Hoffnung der Independent-Szene schlechthin. Auf ohnehin schon hohem Niveau verfeinerten sie ihre Mischung aus Funk, Soul, Jazz, Post-Punk, Rock und etlichen anderen Stilrichtungen, für die allerdings noch ein Name gefunden werden muss, von Veröffentlichung zu Veröffentlichung, und ihr Geniestreich „Dear Science“ wurde von der Musikpresse nahezu einhellig zum besten Album des Jahres 2008 gekürt.

          Statt sich auf den verdienten Lorbeeren auszuruhen, werkelten die Mitglieder des Quintetts in der Zwischenzeit an Solo- und Seitenprojekten. Tunde Adebimpe machte als Gastsänger unter anderem das hüftsteife Comeback von Massive Attack ein wenig erträglicher, Multiinstrumentalist und Vollbartträger Kyp Malone wagte unter dem Namen Rain Machine einen bemerkenswerten Alleingang, Gitarrist und Keyboarder Dave Sitek lud für „Maximum Balloon“ ein paar nicht gerade talentfreie Freunde zum originellen Tanztee nach Los Angeles.

          Von leichter Muse geküsst

          Sein Umzug an die amerikanische Westküste beeinflusst nun auch das neue Album von TV On The Radio. Die Kollegen folgten ihm ins heimische Studio und nahmen zum ersten Mal eine Platte außerhalb von New York auf. Die Sonne Kaliforniens verdrängte die triste Atmosphäre der Regenmaschine und sorgte offensichtlich für eine entspanntere Herangehensweise an die eigene Kunst. Alle Wetter! Vorbei ist es mit den mal melancholischen, mal mürrischen Sottisen der Vorgängeralben. Auf „Nine Types Of Light“ geben das Liebeslied und die vermeintlich leichte Muse den Ton an. Letztere hat die Songschreiber der Band schon des öfteren geküsst, weswegen einige raffinierte Kompositionen textlich ihr Herz auf der Zunge tragen. ,,Our heart doesn't play by rules and love has its own demands“, heißt es etwa im sentimentalen „Will Do“, während das lieblich säuselnde „You“ die Botschaft der Buhlerei unumwunden auf den Punkt bringt: „You're the only one I ever loved“.

          Wem das zu simpel klingt, der sollte trotzdem nicht naserümpfend die Nadel aus der Rille heben. Von Kuschelrock und Retrosoul ist das, was da gespielt wird, immer noch meilenweit entfernt. Und seien wir ehrlich: Aufrichtige Liebeserklärungen packt nur der dümmste Wortfex in verquaste Formulierungen und Bandwurmsätze, die solange das Für und Wider abwägen, bis die Angebetete entnervt das Weite sucht. Hier heißt es: Heraus mit der Sprache, Hand aufs Herz, und darf ich bitten, Gnädigste. Eine Schande wäre es nämlich, beim „Second Song“ allein und miesepetrig am Rand der Tanzfläche zu stehen. Das grandiose Auftaktstück entwickelt sich nach nachdenklichem Beginn zu einem ausgelassenen Falsett-Ohrwurm. Tanzmuffel mit großem Latinum mögen sich an dieser Stelle Andreas Neumeisters Devise „In dubio pro disco“ hinter die Ohren schreiben. Vor das Vergnügen des Händchenhaltens auf der Couch, zu dem beispielsweise „Keep Your Heart“ eine schöne Hintergrundbeschallung liefern könnte, hat der liebe Pop nicht umsonst den Schweiß des Schwofens gesetzt.

          Alles vom Feinsten

          Angesichts von soviel positiver Emotionalität auf „Nine Types Of Light“ liegt der Verdacht nahe, TV On The Radio würden sich vielleicht beim schmusesüchtigen Mainstream anbiedern. Dem ist nicht so. Zugegeben, ihre aktuellen Songs kommen sanfter, einschmeichelnd und eingängig daher. Sie wirken zugleich aber auch luftiger und weniger angestrengt als ihr früheres Schaffen; überkandidelt sind sie jedenfalls nicht.

          Trotz aller vordergründigen Gefälligkeit des Albums findet sich darauf kein einziger Song, der sich unter Wert verkaufen würde. Die Arrangements sind vom Feinsten, voller funkelnder Details, und die gesamte Platte besticht durch Eleganz, Lässigkeit und ein untrügliches Gespür für Melodien und Rhythmik. Das aufgekratzt stampfende „Caffeinated Consciousness“, ein echter Höhepunkt zum Schluss, macht noch dem letzten Bedenkenträger klar, dass TV On The Radio genügend Mumm in den Knochen haben, um die Welt der Popmusik abermals aus den Angeln zu heben - und sich von schlechten Nachrichten nicht klein kriegen zu lassen. An der Kraft ihrer Musik besteht nicht der leiseste Zweifel.

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