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CD der Woche: Thurston Moore : In unüblicher Gitarrenstimmung

  • -Aktualisiert am

Hörprobe:„Benedicition” Bild: Matador Records

Ein enigmatisches Meisterwerk von entrückter, kalter Schönheit: Thurston Moore, einer der Köpfe von Sonic Youth, führt auf seinem Soloalbum „Demolished Thoughts“ das Klangkonzept seiner Band weiter.

          3 Min.

          Wer kennt sie nicht, die weichgezeichnete Kerze von Gerhard Richter im Halbschattenlicht vor einem Wandwinkel? Das Cover von „Daydream Nation“ ist in das Bildgedächtnis der Rockmusik ebenso eingegangen wie die gelbrosafarbene Banane von Andy Warhol oder das schrille Gruppenporträt der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Begehrt bei Schallplattenliebhabern in der ganzen Welt, ist die Originalpressung von „Daydream Nation“ nicht nur ein veritables Sammlerstück, sondern eine ikonische Aufnahme avantgardistischen Lärms in der Tradition von Velvet Underground. Wie nur wenige Rockformationen zuvor haben Sonic Youth mit alternativen Gitarrenstimmungen experimentiert, klassische Harmonieschemata aufgebrochen, Liedstrukturen zerstört und die Grenzen der Dissonanz strapaziert.

          Als Sonic Youth im Oktober 1988 ihr episches opus magnum „Daydream Nation“ veröffentlichten, schlug die Rockmusik noch einmal mit aller Gewalt der immer künstlicher werdenden Musik der achtziger Jahre die Gitarren vors Kinn ein letztes Aufbäumen der Rockauthentizität, bevor der Techno im nachfolgenden Jahrzehnt die Gitarrenmusik nur noch zu einem Nebenschauplatz der Musikgeschichte machen sollte.

          Seitenpfade und Soloprojekte

          Dabei blieben Sonic Youth mitnichten die Statisten auf diesem Nebenschauplatz. Ihnen gehörte die große Bühne, sie empfahlen Nirvana an Geffen Records und gingen mit dem Grunge-Trio auf Tournee. Aber anders als R.E.M. oder die Red Hot Chili Peppers entwickelten sich Sonic Youth nie zu einer Stadion-Band, die sich von der globalen Unterhaltungsindustrie absorbieren ließ. Inhalt ging immer über Form, Reflexion auf die eigene Ästhetik und ihre dreißigjährige Geschichte sowie außermusikalisches Kunstschaffen sind für Sonic Youth wichtiger als die Kontakte zu einflussreichen Konzertveranstaltern. So wurde ihre eigene Installation „Sensational Fix“ unter anderem in Düsseldorf, Malmö und New York gezeigt, und die internationale Kunstkritik reagierte mit positiv überraschtem Echo.

          Treibende Kraft hinter Sonic Youth sind die Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore, die sich nicht nur ihrem Rock-Ensemble, sondern auch dem solistischen Musizieren verpflichtet haben. Ihre Seitenpfade und Soloprojekte lassen sich kaum aufzählen, obwohl wenig interessanter, aber auch kauziger sein dürfte als die abseitigen Veröffentlichungen dieser Rockprotagonisten. Denn wer kennt schon den berauschenden Album-Zyklus des ehemaligen Red Hot Chili Peppers-Gitarristen John Frusciante, und wer hört sich die versponnen Alben von Gordon oder Moore an? Nun, es sind Menschen mit Gefallen an Musik, die es ihren Hörern mitunter nicht ganz einfach macht.

          Harsche dynamische Kontraste

          So wie auch das neue Album „Demolished Thoughts“ von Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore, einem scheu wirkenden Mann von 52 Jahren mit Philologiestudentenfrisur und randloser Brille, die sich auf einem nüchternen Buchfestival eher ablichten lässt als in einer verrauchten Pinte. Seine Musik die klingt, als hätte man Velvet Underground den Strom abgedreht, John Cales elektrische Violine durch eine akustische ersetzt und das Schlagzeug einfach nicht besetzt. So entstanden Kompositionen, die auf frappante Weise die ästhetische Nähe von amerikanischem Folk und klassischer Kammermusik inszenieren - Sonic Youth unplugged, wenn man so will.

          Und weil Moore kein einziges Stück in der üblichen Gitarrenstimmung, sondern viele davon in der ungewöhnlichen D-D-A-F#-A-D-Stimmung gesetzt und dann auf einer zwölfsaitigen Gitarre eingespielt hat, entsteht ein schwer zugängliches Klangbild, dessen hintergründig chromatische Violinfiguren einen disparaten Höreindruck entstehen lassen. Indem diese Musik vollständig auf stabilisierendes Schlagwerk verzichtet, klingt sie sehr zerbrechlich, karg, fast nackt und ist bar jeder Opulenz. Harsche dynamische Kontraste, scharfe Akzente und eine flimmernde Klangfarbendramaturgie bestimmen das Zusammenspiel von Gitarren und den verstörenden Streichern, deren kratzige Pizzicati Béla Bartók arrangiert haben könnte - keine einfache Musik.

          Verschlossene Musik

          Zumal Thurston Moore eine Autorität in Sachen Spannungssteigerung ist. So ist das fast siebenminütige „Orchard Street“ nicht einfach nur eine simple Abfolge von Strophe, Refrain und einem Zwischenspiel - wie bei Sonic Youth gibt es dergleichen hier gar nicht , sondern ein aufwühlendes, beängstigendes Crescendo: Zur führenden Gitarrenlinie kommt erst ein dunkles Klopfen, dann nervöse Streichertremoli, die schließlich mit fragilen Harfenläufen zu einem Amalgam irritierender Dissonanzreibungen zusammenfinden, bis der Spuk so langsam abklingt, wie er aufgezogen ist; eine leise nachklingende Harfenmelodie leitet in das nächste Lied über. Ebenso verhält es sich in „Mina Loy“: Um den harten Stahlsaitenklang der Gitarren windet sich eine gespenstische Violine, die sich ebenso trennscharf wie disharmonisch von den anderen Instrumenten emanzipiert.

          Die dekonstruierte Liedstruktur, die reservierten Tupfer vom Kontrabass, die melancholischen Halbtonschritte und der stellenweise nur gehauchte Gesang kryptischer Verse lassen auch in allen anderen Stücken hören, dass Thurston Moore nicht einfach nur ein Folk-Album aufgenommen hat. Er hat große Kunstmusik geschaffen und führt in „Demolished Thoughts“ das ästhetische Programm von Sonic Youth fort.
          Dieses Album legt es gar nicht darauf an, einem Massenpublikum zu gefallen. Auch wenn das Cover wohl nicht ins Bildgedächtnis der Rockmusik eingehen wird: Moore hat ein enigmatisches Meisterwerk geschaffen, dass sich nicht schon beim ersten Hören erschließt. Eine verschlossene Musik von entrückter, kalter Schönheit.

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