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CD der Woche: Stabil Elite : Oden an den Ombudsmann

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Milchstraße“ Bild: ITALIC

Sie kommen aus Düsseldorf und klingen auch so: Stabil Elite geben sich mit ihrem kühlen Wave und Krautrock als dandyeske Auskenner. Ein sehr gutes Album.

          Kürzlich schrieb jemand auf der Internetseite einer großen Stadtzeitung die folgenden Sätze über das Debütalbum von Stabil Elite: „Das groovt mit Krautrock, Disco und Pop, der sehr charmant nach Neuer Deutsche Welle klingt. Die coolen Shows der drei hübschen Jungs sind nicht nur Hingucker. Man kann auch wunderbar zu ihren antreibenden Rhythmen tanzen.“ Das ist wohl alles richtig; man möchte es allerdings niemandem verdenken, das Trio nach solchen Sätzen als eher unwichtig zu erachten - was schade wäre, denn Stabil Elite haben ein sehr gutes Album gemacht, das manchen so begeistern wird, dass er oder sie vielleicht gar nicht weiß, was eigentlich genau das Erfreulichste an dieser Platte ist.

          Vielleicht, dass auf „Douze Pouze“ gleich im Eröffnungsstück „Drei gerade Zahlen“ das in deutschsprachigen Popstücken eher selten zum Einsatz gebrachte Wort „Ombudsmann“ fällt. Vielleicht auch der seltsam unterschwellige Humor, den man so seit den Achtzigern nicht mehr in der deutschen Popmusik gehört hat. Vielleicht aber auch, dass es den Düsseldorfern mit stoischen Rhythmen, alten Synthesizern und beiläufigem, körperlosen Gesang gelingt, die Vergangenheit, wenn schon nicht wie die Zukunft, so doch zumindest wie die Gegenwart klingen zu lassen. Stopp! Düsseldorf? Stoische Rhythmen und Synthesizer? Da war doch mal was ...

          Den Alten gut zuhören

          Ein Aufkleber auf dem Album kündet keck in Anlehnung an den Motown-Werbeslogan „The Sound of Young America“ vom „Sound of Young Europe“, auf der Single „Gold“ hatte es noch „The Sound of Young Düsseldorf“ geheißen. Letzteres ist entscheidend: Stabil Elite kommen aus Düsseldorf und, ja, sie klingen auch nach Düsseldorf. Genau gesagt nach dem Düsseldorf der späten siebziger und früher achtziger Jahre, nach Kraftwerk, nach Neu!, nach La Düsseldorf - allesamt Vertreter der eher elektronisch-kühlen Variante des sogenannten Krautrock. Ebenso wichtig dürften für Stabil Elite jedoch auch Düsseldorfer Musiker sein, die ein paar Jahre später aktiv waren und gemeinhin unter dem nicht minder irreführenden Banner „Neue Deutsche Welle“ versammelt wurden - die Leder-Minimalisten von DAF, die Pop-Sphäriker Rheingold oder die Kunst-Waver Der Plan. Stabil Elite stehen zu diesen Referenzen. Mehr noch: Sie halten sie hoch! Und genau wegen dieses deutlichen Bezugs auf die Vergangenheit können sie mit den Ideen jener Tage spielen und diese weiterdenken, ohne als reiner Retro-Verein zu enden.

          „Weiterdenken“ - das heißt bei Stabil Elite konkret, dass die drei Mittzwanziger die Musikspielart Krautrock, dieses Lieblingsgenre älterer Plattensammler, Musikjournalisten und Szeneschuppen-DJs, endlich wieder zur Jugendmusik erklären. Ihr Label formuliert es ähnlich: „They dance the dance of youth. International, refreshing and totally fearless.“ Es heißt auch, sich eben nicht wie Menschmaschinen oder komische Kunstfiguren zu geben. Stattdessen hat man es bei Nicolai Szymanski, Martin Sonnensberger und Lucas Croon mit dandyesken Auskennern zu tun, die in der Düsseldorfer Szenebar Salon des Amateurs den Alten gut zugehört haben und ihr Wissen über Musik jenseits eklig verzerrter Gitarren und waidwunden Bartburschen-Geklampfes nun auf „Douze Pouze“ in funkelnden, verführerischen Pop verwandeln. Pop, der die deutsche Sprache gewitzt als eine Art Sollbruchstelle nutzt, um nicht in die Klischeefalle zu tappen. Wenn Sie sich also in diesem Jahr nur ein Album kaufen, auf dem das Wort „Ombudsmann“ zu hören ist, dann lassen Sie es dieses sein.

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