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CD der Woche: Soulsavers : Das schwarze Loch seiner Seele

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „The Light the Dead See“ von den Soulsavers Bild: Mute/EMI Music

Dem Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan ist sein fünfzigster Geburtstag nicht zu schade, um ein Gemeinschaftsalbum mit den Soulsavers zu bewerben - verständlich!

          Dave Gahan hat so etwas wie eine außerkörperliche Erfahrung: Wenn er sich sein Album anhöre, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung, könne er sich plötzlich „mit dem Typen identifizieren, der da singt - als ob ich das nicht selbst wäre!“ Das Album ist „The Light The Dead See“. Gahan hat es zusammen mit den Soulsavers aufgenommen, eine atmosphärisch umwerfende Platte.

          Allenthalben wird sie als der dritte Solo-Ausflug des Sängers von Depeche Mode bezeichnet. Wie wenig das den Kern trifft, zeigt ein Blick auf den Entstehungsprozess, der wohl auch verantwortlich dafür ist, dass Gahan die Songs noch mit der Frische eines Unbeteiligten hören kann: Rich Machin, eine Hälfte des Produzenten-Duos aus Nord-England, schickte ihm nach einer gemeinsamen Tour mit Depeche Mode Song-Skizzen. Gahan schrieb dazu Texte, arbeitete an den Melodien, nahm sie in seiner Wahlheimat New York auf und sendete das Ergebnis zurück nach England. Ein paar Titel habe er dann quasi erst wieder gehört, als sie abgemischt wurden, sagt der Sänger. „Das war spannend: Ich kannte die Songs, aber die Orte, an die er sie geführt, und die Soundlandschaften, die er um sie erschaffen hatte, waren wunderschön.“

          Er, Machin, kann das. Es ist kennzeichnend für ihn, dass er große Sänger noch etwas größer macht, und er hat das mit ein paar der markantesten Stimmen - und gequältesten Seelen! - der vergangenen Jahre getan: Mark Lanegan, Mike Patton (Faith No More, Mr. Bungle) oder Richard Hawley klagten bei den Soulsavers schon ihr Leid und ihre Verzweiflung. Nun tut es Dave Gahan, und zwar über den Atlantik hinweg - eine große Distanz für ein intimes Album. „Ich hätte sofort die Reißleine gezogen und gemeinsame Studiozeit gebucht, wenn es nicht funktioniert hätte“, erklärt Machin. Aber vermutlich funktioniert die Platte sogar wegen der Entfernung der Akteure so gut. Und der Abstand gab Machin und seinem Partner Ian Glover offenbar die Freiheit, das zu tun, was sie am besten können: Szenerien erschaffen.

          An den Grenzen des Tonumfangs

          Auf „The Light The Dead See“ holen sie Gahans Düster-Bariton aus den gewohnten Synthesizer-Engen und stellen ihn in die klanglichen Unendlichkeiten staubiger Wüstenweiten: Die gigantischen Streichersätze, Mariachi-Bläser und verhallt gurgelnden Orgeln stünden jedem Italowestern wieder gut zu Gesicht; und Dave Gahan darf sein Lamento von Tod und Teufel sogar auf einer Mundharmonika blasen. Das könnte zu breitbeinig geraten, zu pathetisch, zu aufgeblasen. Glücklicherweise rüpelt darunter aber eine Band mit einer derart grandios hypnotischen Langsamkeit, wie man sie so vielleicht das letzte Mal bei Pink Floyd gehört hat. Allenthalben reißt die Szenerie komplett ab, türmen die Instrumentalisten wie bei „Gone Too Far“ ohne Orchestergestreich eine Urgewalt von Soundwand auf oder hallt Gahans Stimme bei „Take“, getragen nur von einem Klavier und einer krächzenden E-Gitarre durch eine erhabene Einsamkeit.

          Machin und Glover führen den Sänger dabei immer wieder nah an die Grenzen dessen, was er an Tonumfang bereitstellt. Sie verstärken damit in den anderen Momenten aber auch die ureigene Kraft seiner Stimme, die unendlich düstere Melancholie, die alles Licht absorbierende Gravitation, die es so schwer macht, nicht Gahans Nahtod-Erfahrung als Ursprung zu vermuten. Nein, „The Light The Dead See“ sei keine Referenz an die zwei Minuten, in denen er 1996 nach einer Überdosis aus Kokain und Heroin klinisch tot war, betont Gahan. Er habe damals kein Licht gesehen, sondern „nur eine absolute, schwarze Unendlichkeit erlebt.“ Das Licht, das sei etwas, das er in so vielen anderen Menschen erblicke - in seiner Frau etwa, die „sich gar nicht erst auf meinen Mist einlässt und mich wieder in die Spur bringt, wenn ich drohe, aus der Kurve zu fliegen“.

          Es scheint ihm wirklich am Herzen zu liegen

          So singt denn Gahan auch „Home is where I wanna be“ in dem Lied „Take Me Back Home“, kontrapunktiert von souligen Gospelchören. Kitschig. Aber ausgestattet mit viel innerer Ruhe und einer etwas altersweisen Gelassenheit. Zuhause, das bedeute für ihn Frieden, „irgendetwas in dir selbst zu entdecken, dem du aktiv nichts mehr hinzufügen musst, von dem du weißt, dass du dort hingehörst“. Gelegentlich hat Gahan wohl schon einen Blick darauf erhaschen können: „Seitdem weiß ich, wie kostbar es ist, Dinge zu tun, die andere Menschen inspirieren.“ Noch kitschiger. Und doch adelt nicht nur der Umstand Gahans Worte, dass der Sänger sie just an seinem fünfzigsten Geburtstag spricht, den er am 9. Mai feierte.

          Wer den heiligsten Termin eines Mannes im besten Alter opfert, um ein Album zu promoten, auf dem nicht einmal sein Name steht, der wirkt dadurch sehr glaubwürdig. „The Light The Dead See“ scheint ihm wirklich am Herzen zu liegen. Man kann das verstehen: Es ist ein sehr gelungenes Stück Musik. Für Depeche-Mode-Fans dürfte es etwas zu rau und zu getragen sein. Wer sich für frühere Werke der Soulsavers begeistert, etwa das gigantische „It’s Not How Far You Fall, It’s the Way You Land“, dem könnten hingegen ein paar der rostigen Kanten fehlen. Aber eben das zeichnet die Platte aus: Sie ist ein weiteres Soulsavers-Album, das sich brillant auf seinen Protagonisten einstellt - und ihn damit noch etwas größer macht.

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