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CD der Woche: Rufus Wainwright : Der eine Vater und der andere

  • -Aktualisiert am

Bild: Universal

Das Beste von Zappa, den Byrds und Doors sowie Joni Mitchell in einem? Rufus Wainwright gibt auf seiner neuen CD „Out Of The Game“ immerhin sein Bestes – sich selbst.

          Vierzig Jahre dauerte es, bis das legendäre Folktrio Peter, Paul&Mary auf seinem letzten Album ein Lied gegen Schwulenphobie wagte. „Jesus is on the Wire“ beschreibt, basierend auf Tatsachen, einen schwulen siebzehnjährigen Jungen, den der Mob wie ein Bündel Lumpen an einen Zaun hängt, wo der bewusstlos Geprügelte langsam verblutet. Rufus Wainwright, Sohn des kanadischen Folkpaars Kate McGarrigle und Loudon Wainwright III, war fünfzehn, als er sich zu seinem Schwulsein bekannte, und 31, als er „Gay Messiah“ veröffentlichte. Zu PPMs seiltanzendem Erlöser, der sich höher und höher von der Erde weg balanciert, verhält sich Wainwrigths unergründlich lächelnder Jesus wie ein aasiger Variéte-Beau zu einem todesfürchtigen Artisten.

          Damit ist auch die Kluft gekennzeichnet, die zwischen Folk und der Kunst des Rufus Wainwright klafft: Die einen klagen um die Menschheit, er klagt um sich. Immer um sich. Denn auch auf seinem siebten Album dreht sich die Welt um seinen Lebensgefährten Jörn, seine einjährige Tochter Via, seine verstorbene Mutter – und ihn selbst. Nicht, dass Wainwright dadurch nichts Allgemeingültiges zu sagen hätte. Im Gegenteil: „Welcome to the Ball“, geschrieben für die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland und nun erst veröffentlicht, beschreibt die Qual, jedermanns Objekt der Begierde sein zu müssen, und trifft damit nicht nur das Los von Spitzensportlern oder Wainwrights auslaugendes Glittarstar-Los, sondern unser aller Gefallsucht und Erfolgszwänge.

          Gewohnt guter Wainwright ist dabei der Gegensatz zwischen dem mitreißenden Vaudeville-Donner der Musik und der verhaltenen Klage, die sich mit dem Champagnergeprickel der Noten tarnt. „Montauk“ heißt Wrainwrights Anwesen auf Long Island, „Montauk“ heißt einer seiner neuen Songs, der erwartungsgemäß die Bedenken ausplaudert, die den Singersongwriter als schwulen Vater heimsuchen. Was wird die Tochter denken, wenn sie, erwachsen geworden, ihren Vater und dessen Mann – „the one Daddy and the other Daddy“ – besucht? Was, fragt er, wird ihr durch den Kopf gehen, wenn die beiden Alten stumm nebeneinander herleben? Wenn der eine lebhaft tut und damit nur vertuscht, dass er so erstarrt ist wie der Partner? Welcher Mann, der mit der Mutter seines Kindes lebt, fürchtet nicht gelegentlich ähnlichen Verschleiß?

          Herrlich geradlinig und swingend rockig singt Rufus Wainwright von dieser Unsicherheit. Und wer bei „Respectable Diva“, dem selbstverliebten Tribut an seine 2009 uraufgeführte und kürzlich von der New York City Opera übernommene Oper „Prima Donna“, tränenselige Trinentöne erwartet, wird verblüfft von einem markanten, rhythmisch ausgefeilten Song über würdiges Altern. „Song of You“, eine Liebererklärung an den Lebensgefährten, die von der Unmöglichkeit singt, das einzigartige Gefühl in einzigartige Worte zu fassen, klingt wie ein Direktimport aus John Lennons (sein Sohn Sean hat an dem Album mitgearbeitet) bester Balladenzeit; „Jericho“, dessen Strophen mit Weltuntergängen kokettieren, ist perfekter Gospel-Soul.

          Wainwright wäre nicht mehr er selbst, würde er sich und seine depressiven Neigungen in „Perfect Man“, dem Song über Deutschland-Eindrücke, nicht mit dem Schicksal der „anarchistischen“ Kaiserin Sissi und Brechts „Seeräuberjenny“ vergleichen. Nur er kann, Elton John und Fredy Mercury ausgenommen, so überzeugt davon singen, – „Sometimes You need“ –, dass nicht Kumpels, sondern glamouröse Filmstars uns das wahre Leben lehren. Und nur ihm gelingt es, in „Candles“, das Verbrechertum der Wallstreet mit dem Lächeln von Madonnenstatuen zu kombinieren, vor denen er Kerzen anzünden würde, wären sie nicht ausverkauft.

          Produzent Mark Ronson, der mit Amy Winehouse’ „Back To black“ Musikgeschichte machte, schwärmt, dass das Album musikalisch das Beste von Zappa, den Byrds, Joni Mitchell und Jim Morrison vereine. Das ist etwas hoch gegriffen. Aber wenn man es mit Wainwrights mitunter zu sonorem Gesang nicht allzu genau nimmt und gelegentliches Synthesizer- und Geigenwimmern ausblendet, bleibt bester, zeitgemäß aufgepeppter Achtziger-Sound.

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