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CD der Woche: Robyn Hitchcock : Hand in Hand gehn Liebe und Tod

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „I Love You“ Bild: Alicia J Ros

Seit drei Jahrzehnten vertont Robyn Hitchcock den Verfall, um unbesingbare Themen kümmert er sich sofort. Sein neues Album klingt, als wäre John Lennon bei Monty Python eingestiegen.

          3 Min.

          Robyn Hitchcock schreibt seine Songs ausschließlich zwischen Mai und September. Er sei da wohl wie eine Eidechse, die es warm und behaglich brauche, berichtet der Engländer. Das ist durchaus erstaunlich, denn Hitchcocks im besten Sinne eigentümliche Lieder kreisen seit 35 Jahren bevorzugt um Themen wie Herbst, Dunkelheit, Verfall, mithin also um das langsame Kompostieren alles Lebendigen. „When I was dead I wore a strong perfume / When I was dead I never left the room“, sang er mal. Zwei Strophen weiter ließ er dann Gott auftreten, der den Sänger anweist, sich nicht um den Teufel zu scheren: „And God said: Oh, ignore him, I’ve got all your albums / And I said: Yes, but who’s got all the tunes?“. Andere Songs von Hitchcocks über 20 Alben tragen Titel wie „My Wife And My Dead Wife“, „Heartful of Leaves“, „The Devil’s Coachman“ oder „Eaten By Her Own Dinner“.

          Doch der Brite kennt noch andere Themen als Tod und Teufel: Seine Lieder sind bevölkert von ausgestorbenen Gliederfüßern und bizarrem Meeresgetier, von Insektenmüttern, chinesischen Knochen, sonderbaren Zwitterwesen, seltenen Käsesorten und Männern mit Glühbirnenköpfen. Man kann es vereinfachend so ausdrücken: Wann immer ein Thema unbesingbar erscheint - Hitchcock kümmert sich schon darum.

          Ein ungreifbarer Künstler

          Seine lyrischen Obsessionen heben den Mann deutlich über das Heer der gitarrebewehrten Singer/Songwriter heraus: Bekenntnispralle Liebeslyrik findet man bei ihm ebenso wenig wie vertonte Dünnhäutigkeiten aus dem Tagebuch. Und wenn er doch mal einen Lovesong anstimmt, kann man sich sicher sein, dass bald schon eine Made ins Bild gekrochen kommt. Doch es dürfte auch ebendiesen textlichen Kapriolen geschuldet sein, dass Hitchcock trotz unzähliger Alben mit wechselnden Begleitbands und kultischer Verehrung durch prominente Künstler wie R.E.M., The Decemberists, Johnny Marr oder den „Schweigen der Lämmer“-Regisseur Jonathan Demme nie wirklich bekannt wurde. Seine Vorliebe für irritierend gemusterte Hemden dürfte die Sache noch zusätzlich erschwert haben. Hitchcock ist immer der klassische „Kultmusiker“ geblieben, dessen Ungreifbarkeit Journalisten seit Jahren gern mit Vokabeln wie „exzentrisch“, „typisch britisch“ oder „vorsätzlich seltsam“ beizukommen versuchen.

          Was bei dieser Betrachtungsweise leider oft in den Hintergrund rückt: Hitchcocks Songwriting-Kunst sucht - bei aller Kauzigkeit, die zugegebenermaßen tatsächlich in der langen Tradition englischer Sonderlinge steht - kompositorisch und lyrisch ihresgleichen: Viele seiner Songs enthalten mehr trefflich formulierte Einsichten und Aphorismen als das Gesamtwerk etlicher Kollegen. Das Trivialdrama menschlicher Selbsterkenntnis im Angesicht der eigenen Sterblichkeit fasst er im „Flanagan’s Song“ in einem knappen Vierzeiler zusammen: „I was always in a hurry / But I never knew what for / Paranoia chased me out / And then time just closed the door“. Und die Musik? Hört man ihm zu, könnte man meinen, John Lennon sei bei Monty Python eingestiegen und Nick Drake und Syd Barrett hätten sich zum 5-Uhr-Tee in einem Gemälde von De Chirico verabredet.

          Der Tag bricht wie ein Ei

          Das ist auch auf Hitchcocks jüngstem Album, das nun pünktlich zu seinem 60. Geburtstag Anfang März erschienen ist, nicht anders. „Love From London“ heißt die Platte, die von dem Produzenten Paul Noble betreut wurde. In London ist Hitchcock tatsächlich beheimatet; dort züchtet er im Garten seines Hauses in unmittelbarer Nachbarschaft zu Musikerkollegen wie Nick Lowe oder dem Led-Zeppelin-Bassisten selbstangebaute Tomaten. Und, ja, auch die Liebe wird thematisiert - wenngleich in einem typisch doppelbödigen, an Bryan Ferry gemahnenden Popsongtitel „Death and Love“: „Life is flowing through us like a river, soon there won’t be nothing left / Through the dark canals of Venice hand in hand go love and death“. Andernorts regnet es durch moosbewachsene Wände, der Teufel hängt an Marionettenfäden, der Tag bricht an „like an egg“. Die Musik bewegt sich - auch wenn diesmal statt einer Band Drumloops und Keyboardflächen zum Einsatz kommen - innerhalb der typischen Hitchcock-Koordinaten: Dylan, Lennon und Barrett sind deutlich rauszuhören, aber auch Ray Davies oder die Incredible String Band.

          Am Schluss steht das elegische „End Of Time“, in dem Hitchcock seinem bevorzugten Thema abermals ein paar neue Facetten abtrotzt. Er sei bereit für das Ende der Zeit und dafür, sich in die Schatten seiner selbst zurückzuziehen. Bis es so weit ist, darf man hoffentlich noch mit vielen weiteren Hitchcock-Platten rechnen.

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