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CD der Woche: Robyn : Disco 2010

  • -Aktualisiert am

Bild: Warner

Sie singt und kann alles, nur von der Liebe will sie nichts wissen: Die schwedische Sängerin Robyn hat Madonna schon überholt und präsentiert jetzt den ersten Teil ihrer „Body-Talk“-Trilogie.

          3 Min.

          Eigentlich ist das ja nicht so meine Musik. Das ist Disco, Dancefloor, also „Mainstream“, zur Zeit ein synkretistischer Stil aus Hip-Hop, R&B und Elektro. Die schwedische Sängerin Robyn macht Tanzmusik von der Sorte, die im besseren Fall von Radiosendern als „die Hits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute“ angedroht wird und im schlimmeren Fall Bankern und Brokern als Hintergrund für Tabledance-Parties dient. Standardware, mehr designed als komponiert, nicht wie die diversen Spielarten des alternativen Pop oder wie die Singer-Songwriter einem Autorenprinzip folgend, sondern ein berechnetes Kollektivprodukt von Plattenfirmen und Produzenten.

          Das sind natürlich alles Vorurteile eines eingefleischten Mitglieds der Rockisten-Fraktion. Autoren-Produzenten wie Danger Mouse haben längst auch im Indie-Bereich das Monopol der Urheberschaft aufgebrochen. Und mit der neuerlichen Dominanz elektronischer Sounds über handgemachte Riffs gelingt immer öfter die Verbindung von musikalischer Progressivität und discotauglichem Massengeschmack.

          Manifest des Cyberfeminismus

          Als Robyn, das Wunderkind, geboren 1979, in den späten neunziger Jahren mit Hits wie „Show Me Love“ zum Sternchen wurde, war die kommerzielle Tanzmusik durch tiefe Gräben von der Avantgarde getrennt: hier Britney Spears, dort Elektroclash-Pioniere wie Fischerspooner. Als Robyn 2005, nach der Gründung ihres eigenen Labels, ihr Comeback-Album „Robyn“ herausbrachte, war das perfektes Timing. Das zusammen mit Klas Åhlund produzierte Album war die starke Selbstbehauptung einer inzwischen emanzipierten Frau und Künstlerin, zugleich vom ersten bis zum letzten Ton ein Musterbuch zeitgenössischer Popmusik. Hits wie „With Every Heartbeat“, „Handle Me“ und „Cobrastyle“ waren nur die Spitze eines Eisbergs. Dass sie 2008 als support act für Madonna auftrat, hatte Symbolcharakter. Musikalisch hatte sie das Vorbild hinter sich gelassen.

          Robyn

          Dass jetzt, nach fünf turbulenten Jahren, ein neues Album erscheint, ist ein Ereignis. Dabei ist „Body Talk Pt. 1“ nur der erste Teil einer angekündigten Trilogie (der zweite Teil kommt schon im September, Ende des Jahres der Abschluss), doch schon diese ersten acht Stücke halten die Qualität des Vorgängers. Der programmatische Auftakt „Don’t Fucking Tell Me What To Do“, eine minimalistische, ins Absurde kippende Litanei all jener verfluchten Dinge, die einen umbringen („My drinking is killing me, my smoking is killing me, my boss is killing me“), erinnert ein bisschen an Peaches. Das technoid-verspielte „Fembots“ klingt wie ein Manifest des auch wieder in Mode kommenden Cyberfeminismus der Neunziger – die Frau als Roboter, der Rücksicht auf seine Gefühle einfordert. „Dancing on My Own“ ist ein düsterer Danceknaller mit süffigem Refrain, der Soundtrack für die Verschmähten, die lieber allein tanzen, als mit dem Zweitbesten Vorlieb zu nehmen.

          Verlangen nach Pathos und Größe

          Nach „Cry When You Get Older“, einem weiteren Liebesschmerzenlied, nun schon abgeklärt aus der Warte der Leidgeprüften, folgen zwei tolle Kooperationen: „Dancehall Queen“, der Name sagt alles, mit dem Starproduzenten Diplo (M.I.A.) ist ein todsicherer Tophit. „None of Dem“ ging aus der Zusammenarbeit mit dem norwegischen Elektroduo Röyksopp hervor. Atmosphärisch genauer kann man die Langeweile und Trostlosigkeit einer skandinavischen Kleinstadt nicht einfangen, die jenen sehnsuchtsvollen Pop hervorbringt, jenes Verlangen nach Pathos und Größe, das übrigens auch die Platten ihrer weniger bekannten norwegischen Kollegin Annie prägt. Was Robyn auch stimmlich draufhat, kann man am vorletzten Lied erkennen: „Hang With Me“ ist eine klassische Ballade mit Piano und Streicher-Arrangement, die sich vor einer Regina Spektor, der Meisterin in diesem Fach, nicht zu verstecken braucht. Wer würde das Angebot, mit Robyn um die Häuser zu ziehen, schon ausschlagen? Freund, Kumpel, Spielgefährte, all das ist drin, auch das, woran die Männer nun mal bei einer solchen Frau als erstes denken. Nur dieses kopf- und rücksichtslose Ding namens Liebe ist tabu. Alles, nur bitte das nicht.

          Zum Schluss singt Robyn dann noch ein Schlaflied, auf Schwedisch. Wie gesagt, zwei Platten kommen 2010 noch, als nächstes steht „Hang With Me“ in einer erwartungsgemäßen Elektro-Version vor der Tür. Ein brutales Duett mit Snoop Dogg, „U Should Know Better“, kursiert bereits im Netz. Wie könnte das nicht ihr Jahr werden?

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