https://www.faz.net/-gsd-145ol

CD der Woche: Robbie Williams : Allein hinter Schallmauern

  • -Aktualisiert am

Eine Fußballer-Weisheit sagt: „Never change a winning team“. Robbie Williams sollte sich ihrer erinnern, und seinen alten Produzenten und Komponisten Guy Chambers wieder ins Boot holen - sonst droht der Abstieg aus der Champions League. Die CD der Woche.

          4 Min.

          ABC, Art of Noise, Band Aid, Barry Manilow, Genesis, Godley& Creme, Grace Jones, Heaven 17, Lisa Stansfield, Mike Oldfield, Malcolm McLaren, Marc Almond, Paul McCartney, Pet Shop Boys, Rod Stewart, Seal, Simple Minds, Jimmy Somerville, Spandau Ballet, Sugababes, Tina Turner, Wendy & Lisa, Yes und Frankie Goes To Hollywood - sie alle sind mitverantwortlich für die Verpestung der achtziger Jahre, wobei natürlich nicht alles schlecht war unter Trevor Horn, der sie produziert hat und also der Hauptschuldige an diesen geschmacklichen Massenverbrechen ist.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Begangen hat er sie mit einer Methode, der man eine gewisse List nicht absprechen kann, die aber, indem sie den Musikern die Bedienung der Instrumente abnahm, alles nur noch bombastisch, wichtigtuerisch und uninspiriert klingen ließ. Genau das Richtige für mich, wird sich Robbie Williams gedacht haben, der unter Horns Obhut seine Musik nun wohl endgültig ruiniert hat. Verwundert reibt man sich das Ohrenschmalz: Einer der größten Stars der vergangenen fünfzehn Jahre macht gemeinsame Sache mit diesem Pfuscher! Robbie Williams einer unter den viel zu vielen Klienten dieses überbewerteten Engländers!

          Die alte Masche

          Mit seiner letzten Platte „Rudebox“ (siehe Robbie Williams' Platte „Rudebox“) hatte Robbie Williams immerhin Mut zu Reformen bewiesen; aber die viel zu lange Hip-Hop- und Elektro-Verhackstückung verstimmte als Anbiederei an Madonna und die Pet Shop Boys, so dass man jetzt eigentlich froh sein könnte, dass es wieder eine neue Platte gibt. Aber „Reality Killed The Video Star“ offenbart schon im Titel, der eine Anspielung auf das alte Trevor-Horn-Projekt The Buggles ist, eine Einfallslosigkeit, die einen geradezu erschüttert. Man weiß jedenfalls nicht, was man mehr verachten soll: die religiösen Untertöne in der Single „Bodies“, die dürftigen Selbstzitate auf dem an sich gefälligen „You Know Me“, die dauernde Streicherei, die höchstens als Soundtrack für einen Disney-Trickfilm für die ganze Familie genießbar wäre, oder den insgesamten Hang, es nun doch wieder allen recht machen zu wollen.

          So zeigt sich nun abermals,dass die Auflösung des Mainstreams für niemanden eine solche Gefahr darstellt wie für den, der es in ihm zu etwas gebracht hat. Die Musik von Robbie Williams war ja nie originell; sie war aber für unterschiedliche Hörerschichten geeignet und insofern auch gut, den Kitsch und die Coolness mit äußerstem Geschick in der Balance haltend. Aber dann, mit seiner Swing-Platte von 2001, verhob er sich und gab erste Unsicherheiten zu erkennen. Robbie Williams wollte Frank Sinatra sein, aber das konnte nur als Witz aufgefasst werden. Auf „Escapology“ zeigte er zwar sein altes Format und klang wieder wie ein richtiger Pop-Rock-Sänger; aber dies war das letzte Mal, dass seine Masche, sich bei fremden Ideen zu bedienen, ohne dabei eine ausgesprochen persönliche Note vermissen zu lassen, so richtig zog. Der erste britische Hitparadenplatz und die viereinhalb Millionen Exemplare von „Rudebox“ mögen ehrenwert sein, sie waren musikalisch aber ein Missverständnis, das sich aus reiner Verkrampfung ergab.

          Flügellahm wie der Rest

          Worunter Robbie Williams leidet, ist das Volksparteiensyndrom: Auch der CSU ist es schlecht bekommen, ihr winning team ohne erkennbare Not auszuwechseln und gleichzeitig anzufangen, über ihre inneren Strukturen nachzudenken. Oder, um ein Beispiel aus dem von Williams so geliebten Fußball zu wählen: Ihm ergeht es wie Bayern München, wo man nach dem Klinsmann-Experiment schnell wieder nach einem klassisch-großen Namen rief, nun aber, unter Louis van Gaal, mitansehen muss, dass das Selbstvertrauen weg ist.
          Dass er auch er keines habe, hat man von Robbie Williams auch immer behauptet, und er selbst hat wenig dafür getan, es anders aussehen zu lassen. Aber nicht das Saufen, Koksen und Huren waren sein womöglich entscheidender Karrierefehler, sondern, dass er, aus welchem Grund auch immer, Guy Chambers an die Luft gesetzt hat, einen außergewöhnlich fähigen Komponisten und Produzenten, der ihm das war, was Bernie Taupin für Elton John war. Statt wie diese beiden wenigstens ein Dutzend hervorragender Alben zu machen, ließ er es geschehen, dass mit der ohne Chambers eingespielten Platte „Intensive Care“ die Phase der Richtungslosigkeit einsetzte. Die Musik, für die im wesentlichen Stephen Duffy verantwortlich war, klang gefällig, aber die Texte verrieten ein Bedürfnis zur distanzlosen, verquast pathetischen Selbsterklärung, das zu der Williams allenthalben attestierten Selbstironie nicht mehr recht passen wollte.

          Dass Chambers nun bei einem Lied seine Finger wieder im Spiel hat, wird wenig helfen. „Blasphemy“, auch so einer von diesen pompösen Titeln, plätschert verhalten dahin, das Klavier klimpert wie bei einem seiner selbst überdrüssigen Elton John, das Lied ist so flügellahm wie fast der ganze Rest. „Last Days of the Disco“ hätte jede dieser öden Früh-Achtziger-Synthesizer-Combos besser hinbekommen; die Ausflüge in die Disko- und Clubwelt wirken verspätet, ein Lied wie „Difficult for Weirdos“ hätten Madonna oder Kylie Minogue zu Anfang dieses Jahrzehnts erheblich quecksilbrig-aufreizender klingen lassen. Selbst die Balladen, mit denen Williams früher auch ein ihm geschmacklich reserviert gegenüberstehendes Publikum herumgekriegt hätte, sind ihm hier eigentümlich untriftig geraten, ohne sonderlichen Merkwert - man höre nur „Deceptacon“: Solche laschen, nichtssagenden Lieder, die heute höchstens jemandem wie dem Oberharmlosen Jim Corr zuzutrauen wären (dessen gutaussehende Schwestern den Murks allerdings für Momente vergessen lassen), wird man in wenigen Wochen schon wieder vergessen haben, da kann ihn EMI noch so oft auf Blitzbesuche schicken.

          Die alte Entschlossenheit

          Es ist nicht alles schlecht. Das majestätische „Superblind“, das altmodisch-soulige „You Know Me“, das rockige „Do You Mind“ und das süffig-pointierte „Won't Do That“ deuten die alte Entschlossenheit an und hellen den trüben Gesamteindruck auf. Auch auf den frühen Platten war nicht alles Gold, was glänzte; aber es gab immer ein, zwei smash hits, die in ihrer Ausnutzung popklassischer Mittel so überragend waren, dass auch der Rest gut dastand. Wahrscheinlich hätte man Trevor Horn gar nicht erst fragen dürfen. Die dicke Schallmauer, mit der dieser seine Schützlinge regelmäßig umgibt, dient ja bloß dazu, deren Mangel an Sänger- und Entertainer-Fähigkeiten zu kaschieren. Das ist hier fehl am Platz.

          Robbie Williams muss sich, wie Bayern München und die CSU, dringend etwas einfallen, wenn er weiterhin in der Champions League spielen und seine absolute Mehrheit zurückhaben will. Ein Anruf bei Guy Chambers würde vielleicht schon genügen.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.