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CD der Woche: PVT : Kraft ist Wärme

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Shiver“ Bild: Felte/Rough Tarde

Die australische Band PVT macht jetzt Pop: Auf ihrem neuen Album verdrängen melodischer Gesang und Retro-Elektro endgültig den experimentellen Post-Rock von früher.

          2 Min.

          So muss ein Pop-Album beginnen: mit großer Geste, akustischer Sonnenaufgang, Menschwerdung. Die Lebensader des Eröffnungsstücks ist eine gebirgsbachklare, allmählich opulenter werdende Synthesizermelodie im analogen Siebziger-Design. Aus den Wassern steigen mehrstimmige Geistergesänge auf, die sich immer wieder zu zwei Worten verdichten: „you shiver“. Erzittern wirst du, Homo audiens, schlottern, frösteln, splittern und schaudern. Das ist Diagnose, Befehl und Versprechen zugleich.

          Im Video dreht sich dazu eine nackte Frau in Zeitlupe um sich selbst. Frisch geschlüpft scheint sie, rein, vom Kokon haften ihr noch Reste an, ein wehender Umhang aus durchsichtiger Folie, während sie Schritt um Schritt Kontakt aufnimmt mit der wüsten, leeren Welt, vorsichtig erst, dann immer kräftiger, selbstbewusster, ein einziges Wirbeln und Springen zuletzt. Und auf dem Höhepunkt, just in dem Moment, in dem einen wider besseres Wissen die Schöpfungseuphorie packt, endet die Verheißung abrupt. Wo man sich gerade noch in Licht, Wärme und Vollkommenheit emporgehoben fühlte, stürzen wir mit „Evolution“ und „Electric“ unter nostalgischen Roboterklängen in eine vergangene Zukunft, die nie Gegenwart war: „a future, already passed.“

          Brachiale Angriffe auf den Technizismus

          Dieser akustische Retro-Futurismus ist das Markenzeichen der neuen Platte von PVT. Überall scheint Captain Future mit seiner Laserkanone zu lauern. Doch geht ihm dabei alles Heldische ab: Er weiß, dass er ein historischer Irrtum war, eine evolutionäre Gehirnerschütterung, chancenlos im Zweikampf der Welten. Im düster und bassstark anhebenden „Cold Romance“ treten Kälte und Romantik, Maschine und Mensch direkt gegeneinander an. Und es gewinnt - der Mensch, genauer: die beseelte, körperliche, emotionsgeladene Stimme. Sie muss zwar im Folgenden immer wieder durch elektronische Verfremdungen hindurch, am unerbittlichsten im Titelsong, aber stets befreit sich die Entfesselungskünstlerin mit Leichtigkeit, vollführt Salti und steigert sich gar in Ekstasen hinein wie in der New-Wave-Hommage „Love & Defeat“. Selbst in den zerhacktesten und computerlastigsten Titeln setzt sich der melodische Gesang durch: viel Kraftwerk also, aber mit moderner Kraft-Wärme-Kopplung. Die ausgesendeten Botschaften sind brachiale Angriffe auf den Technizismus, die nicht einmal vor dem biblischen Memento mori haltmachen: „From dust we come, dust we remain - forever.“

          Zu der in ihrer australischen Heimat recht berühmten Formation PVT gehören neben Sänger Richard Pike dessen Bruder Laurence (Perkussion) sowie Dave Miller (Computerklänge). Im Jahre 2005 haben sie unter dem Namen Pivot ihr in Independent-Kreisen hochgelobtes Debütalbum veröffentlicht. Retro-Elektroklänge gab es damals bereits, aber man bewegte sich doch deutlich in der Post-Rock-Sphäre: mal Gitarrenlärm und mathematischer Prog-Rock, dann wieder meditative Ambient-Instrumentalstücke. PVT orientierten sich nach eigener Aussage am New Wave der Talking Heads und an den elektronischen Experimenten Brian Enos ebenso wie am überwältigenden Neobarock von Arcade Fire und am knüppelharten Sound des Technorüpels Aphex Twin.

          Alles Elitäre abgelegt

          Im Jahre 2010 warf man die Vokale aus dem (bereits von anderer Seite gesicherten) Bandnamen, eine ironische Volte, weil es musikalisch nun genau in die entgegengesetzte Richtung ging: Bereits auf dem dritten Album, „Church With No Magic“ (2010), kam dem Vokalen nämlich eine ganz neue Qualität zu. Zugleich drängte das Elektronische den Rock zurück.

          Noch einmal entschlossener begibt man sich nun auf dem Album „Homosapien“ in die Gefilde des Pop, scheut auch eingängige Melodien und Refrains nicht: „You want me, I’m yours“. Der üblichen Meckerei von Komplexitätsfanatikern und Pathosfeinden zum Trotz sind dabei spannende, unvorhersehbare, hinreißende Songs entstanden: „Vertigo“ steigert sich allversöhnlich vom einfachen, reduzierten Beat zum Breitwandformat, „Casual Success“ ist ein durchweg flottes Tanzstück und „New Morning“ eine schöne Erinnerung an die Experimentalphase der Band. PVT haben sich ihre kreative Freiheit bewahrt und zugleich alles Elitäre abgelegt. Wer da nicht gern erzittert, muss ein Roboter sein.

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