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CD der Woche: PJ Harvey : Marsch, da bläst er

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Maketh Murder˝ Bild: Charles Sykes/AP

Vergangenes Jahr hat Paul Weller seiner britischen Heimat heimgeleuchtet, jetzt folgt ihm PJ Harvey - mit einem klugen, zähnefletschenden und doch ganz luftigen Album

          June Carter, die Ehefrau von Johnny Cash, machte das Instrument einst populär. 2004, für „Uh Huh Her“, griff auch Polly Jean Harvey erstmals zur Autoharp. Diese Erfindung eines Deutschen ist jedoch nicht, wie man aufgrund des Namens annehmen könnte, eine Abwandlung der Harfe, sondern eine Weiterentwicklung der alpenländischen Zither. Sie klingt so hell, scharfkantig und silbrig wie die Stimme der britischen Sängerin selbst. Ein Instrument, das wie gemacht dafür scheint, nicht weinerlich zu jammern, sondern anzuklagen, das zwar eine ganze Palette an Gefühlen hervorrufen kann, aber nicht auf die Tränendrüse drückt.

          Auf „Let England Shake“, PJ Harveys neuem Album, gibt die Autoharp gleich mehrfach den Ton an. Sie prägt diese in einer Kirche aufgenommene Platte, die sich inhaltlich vorwiegend mit der kriegerischen Historie Englands beschäftigt. Es geht um die nationale Identität, um den Missbrauch des Patriotismus, um die Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg und den aktuellen Militäreinsatz in Afghanistan. Die Dramen der Innerlichkeit, die Harvey auf ihren vorangegangenen Soloalben inszenierte, treten dafür in den Hintergrund. Sie setzt auf Empathie, nicht auf den erhobenen Zeigefinger, auf Geschichte und Geschichten, ohne sich in einfältigen Protestsongs zu erschöpfen. Möglicherweise bildet „Let England Shake“ das berückende weibliche Gegenstück zu Paul Wellers großspurigem und leicht machohaftem „Wake Up The Nation“, das im vergangenen Jahr das Vereinigte Königreich heimsuchte.

          Englands Doppelnatur

          Dessen glorreiche Zeiten scheinen jedenfalls endgültig vorbei zu sein. „England's dancing days are done“, heißt es gleich zum Auftakt im Titelstück. Getanzt wird nur noch auf den Gräbern derer, die von Auslandseinsätzen nicht mehr nach Hause kommen, Opfer von gewalttätigen Konflikten in aller Welt. England ist Lebensader und Totengräber zugleich, ein Land, von Panzern zerpflügt, voller verwaister oder versehrter Nachkommen, und doch Inbegriff der Heimat, der das lyrische Ich der Songs auf zwiespältige Weise zugetan ist - liebend und zweifelnd, wütend, kritisch und dennoch unverrückbar.

          Diese emotionale Ambivalenz, die sich in den Texten äußert, überträgt sich auch auf die Musik. Sie führt in ein Zwischenreich aus Vergangenheit und Gegenwart, gemahnt in nachdenklichen Momenten an traditionelle Folk-Weisen, während an anderer Stelle eine knurrende E-Gitarre den Zorn der Jugend heraufbeschwört. Unterstützt wird PJ Harvey bei dieser zähneknirschenden Liebeserklärung, die gleichzeitig eine Abrechnung ist, von langjährigen Weggefährten wie Flood, Mick Harvey und John Parish, mit dem sie zuletzt auch das sinistre „A Woman A Man Walked By“ einspielte.

          Gewichtiges wird federleicht gemacht

          Wer nun meint, Songs übers Blutvergießen, über Grabenkämpfe und das allgegenwärtige Sterben müssten niederschmetternd und deprimierend klingen, wird von „Let England Shake“ eines Besseren belehrt. Die zahlreichen Höhepunkte des Albums, etwa „The Words that Maketh Murder“, „The Glorious Land“ oder die karge Elegie „In the Dark Places“, zeugen von großer Kraft und Kunstfertigkeit. Sie sind eingängig, zupackend und poetisch. Unscheinbar kommen die Kompositionen daher, federleicht manchmal, obwohl sie sich gewichtigen Themen widmen.

          Wieder und wieder kann man diese Platte hören, die Welt als einen grausamen Ort erkennen und die Faust beim Schwofen in der Tasche ballen. PJ Harveys atmosphärisch dichter und berührender Liederreigen fordert allerdings indirekt dazu auf, ab und an auch mal auf den Tisch zu hauen und den Wortführern des Krieges die Stirn zu bieten. Wie man das anstellt, ohne zum politisch naiven Querulanten zu werden, auch davon erzählen ihre betörenden und widerborstigen Songs.

          Sie stören auf unnachahmliche Weise den heuchlerischen Frieden einer sich harmlos und verspielt gerierenden Popmusik, welche die politischen Zeitläufte freilich mit einem Schulterzucken abtut. Während der alternative Mainstream Kritik durch Rührseligkeit ersetzt und mit nostalgischen Anspielungen und eskapistischen Sperenzchen zusehends um sich selbst kreist, meint PJ Harvey das, was sie singt, offenbar auch genau so. Kein postmodernes Hintertürchen, keine augenzwinkernde Doppeldeutigkeit - einfach nur das bedeutsame und musikalisch vielschichtige Statement einer klugen Songwriterin. Das ist mehr, als man heutzutage in der Popmusik erwarten kann.

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