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CD der Woche: Pearl Jam : Die Wichtigkeit, ernst zu sein

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Future Days“ Bild: Universal Music

Sie haben sich von Authentizitätsrockern zur Erbengemeinschaft des Classic Rock gemausert. Pearl Jam sind in einem gefährlichen Alter: im dreiundzwanzigsten Jahr. Sie machen das Beste draus.

          3 Min.

          Kinder, wie die Zeit vergeht: Dreiundzwanzig Jahre ist es her, dass die Band Pearl Jam, die erst ein paar Monate später so hieß, mit dem Soundgarden-Sänger Chris Cornell ein grandioses Album aufnahm, „Temple Of the Dog“, das Requiem für einen Drogentoten. Ein Jahr später folgte die Hymnen-Platte „Ten“, die sich sechzehn Millionen Mal verkaufte. Heute steht die Band in der Chronologie also da, wo die Rolling Stones Mitte der Achtziger mit „Dirty Work“ waren, Pink Floyd mit „A Momentary Lapse of Reason“, Bob Dylan mit „Empire Burlesque“ - um drei wichtige Bezüge zu nennen: Hardrock, Schwelgesound, Singer-Songwritertum.

          Die drei genannten Werke gelten nun allerdings als absolute Tiefpunkte im Gesamtschaffen jener popmusikalischen Giganten. Das dreiundzwanzigste Jahr ist offenbar eine besonders heikle Phase für Rockmusiker, und deshalb geht man mit Behutsamkeit an die Besprechung des neuen Pearl-Jam-Albums „Lightning Bolt“, für das sich die Band seit „Backspacer“ (2009) wieder viel Zeit gelassen hat. Aber die Sorge ist unbegründet. Am Anfang steht wie gewohnt ein Dreierpack von härteren Stücken: ein frischer Rocker als Einstieg, ein knackiger Punker folgt ihm auf dem Fuß, ein grimmiger, bassgetriebener Vaterproblemsong schließt sich an (das große Eddie-Vedder-Thema). Der beste Anfang eines Pearl-Jam-Albums seit langem.

          Dann wird drei Gänge runtergeschaltet. „Sirens“ wird der größte Hit des Albums werden, ein kommender Konzert-Klassiker und Leuchtdisplay-Hochhaltesong dieser fabelhaften Live-Band: eine besinnliche, beinahe orchestrale Ballade über die Fragilität des Lebens, die mit schönem Schmelz beginnt und am Ende den Schmalz nicht ganz vermeidet, wenn sich perlende Klaviertöne ins Klangbild schleichen und Eddie Vedder einen Aha-Oho-Chorus anstimmt.

          Das Titelstück „Lightning Bolt“ enttäuscht. Man meint es von der Band schon öfter gehört zu haben; der rockige Refrain klingt angestrengt, wie eine Pflichtübung. Herausragend dagegen sind polierte Pop-Perlen wie „Infallible“, „Swallowed Whole“ und „Sleeping by Myself“ mit ihrer Leichtigkeit, ihren honigsüßen Harmonien und abwechslungsreichen Gesangslinien. So hat man Pearl Jam tatsächlich noch nicht gehört.

          Heute sind sie Familienmänner

          „Pendulum“ und „Yellow Moon“ zeigen, was man eigentlich seit langem wissen konnte: dass dies eine Band ist, der die langsamen Stücke am eindrucksvollsten gelingen, nicht zuletzt deshalb, weil Vedders Ausnahmestimme dann in ihrer sonoren Sensitivität, ihrer Verbindung von Kraft und Klage am besten zur Geltung kommt. Das abschließende „Future Days“, Vedders Liebeserklärung an die eigene Frau, dominiert von akustischer Gitarre, Fiddle und Klavier, wird Paare beglücken und manche silberne Hochzeit untermalen.

          „Lightning Bolt“ wächst bei mehrfachem Hören. Und ist dennoch das gefälligste aller Pearl-Jam-Alben. Satter, präziser Klang, aber keine Sperrigkeit, kein Schmutzfleck, nirgends. Dass diese Band einmal dem harten Grunge zugezählt wurde, dass sie dringliche, schön verzweifelte, grandios krachende Alben wie „Vs.“ und „Vitalogy“ gemacht hat, tatsächliche Blitzschläge der Rockmusik, mag man kaum noch glauben.

          Man könnte auch sagen: Diese fünfzigjährigen Familienmänner müssen nicht so tun, als wären sie noch fünfundzwanzig. Mike McCready ist bekannt für seine leidenschaftlichen Improvisationen; der Gitarrist hat wesentlichen Anteil daran, dass die Stücke bei den Konzerten immer wieder ein bisschen anders klingen und die treuesten Fans sich zum Kauf Dutzender Live-Alben verpflichtet fühlen.

          Eddie Vedder, der Glaubhaftige

          Ein Könner, der Jimi-Hendrix-Songs wie „Little Wing“ zum Niederknien interpretiert. Auf „Lightning Bolt“ ist er nun ganz auf Zitatkunst und songdienliche Garnierungen eingestellt. „Let the Records Play“ deutet schon im Titel den kanonischen Bezug zur Plattensammlung an. Von geschmackvollen Rock-’n’-Roll-Licks bis hin zu David Gilmours gefühlsgeladenem, die Töne schwelgerisch dehnendem Gitarrenton, der in „Sirens“ zitiert wird - nichts Gitarristisches ist McCready fremd.

          Aus ehemaligen Authentizitätsrockern ist eine Erbengemeinschaft des Classic Rock geworden. Das Kerngeschäft wird flankiert von einer Vielfalt der Stile von Punk über Pop und Boogie bis Ukulele-Folk. Dass die Sache nicht beliebig wird, dafür sorgt die musikalische Feinabstimmung dieser durch tausend Live-Auftritte perfektionierten Band, dafür sorgt vor allem das Sänger-Charisma Eddie Vedders, an dem jeder Vorwurf der Kommerzialisierung abprallt. Der Mann ist nach wie vor die Glaubhaftigkeit in Person.

          Seine mit wichtigen Lebensfragen (höchstpersönlichen wie globalen) befassten Texte gehören zum Ernstestgemeinten, was die Popmusik zu bieten hat. Texte nur als Zeug, das sich singen lässt, wie Kurt Cobain einmal meinte - Vedder ist da anderer Ansicht, er will ein Botschafter des Guten und Wahren sein. Und manchmal gelingen ihm große, melancholische Zeilen über die Vergänglichkeit und das Älterwerden, die man auf einen Wandteller schreiben und in die Küche hängen möchte neben den Topf mit der Perlenmarmelade: „Easy come and easy go / Easy left me a long time ago.“

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