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CD der Woche: Old Man Luedecke : Es könnte gleich ein bisschen wehtun

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Kingdom Come“ Bild: True North Records TND 569 (Alive)

Das Banjo ist mehr als ein Spaß-Instrument: Bei dem kanadischen Folksänger Old Man Luedecke ist es sehr zart besaitet. Im Einklang mit dessen verletzlicher Stimme wird daraus feinste Liedkunst.

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          Eine etwas seltsame Frage drängte sich bei den ersten Gedanken zu dieser Plattenkritik auf: Warum müssen so viele Menschen weinen, wenn sie das Album „Graceland“ von Paul Simon hören? Das mag vielleicht eine subjektive Beobachtung sein - aber die härtesten Rocker und Zocker bekommen glasige Augen, noch ehe beim Titellied die Worte „The Mississippi Delta“ ausgesungen sind. Und spätestens bei den Klängen von „Homeless“ verlangen sie schluchzend nach Mutti.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Was hat das nun mit einem Banjospieler und Folksänger zu tun, der sich „Old Man Luedecke“ nennt, obwohl er noch jung ist und zudem ein Genre vertritt, das Paul Simon allenfalls in seiner Frühzeit gestreift hat? Es gibt zwei Zusammenhänge. Der eine ergibt sich gleich aus der ersten Liedzeile des Albums, in der Luedecke singt „I rode a long way on a one trick pony“.

          Der Verweis auf Paul Simons gleichnamiges Soloalbum von 1980 wäre aber kaum relevant, wenn da nicht noch ein viel tiefere Verbindung wäre. Und die besteht in einer unglaublich rührenden Verletzlichkeit des federnd leichten Gesangs, die geradewegs nach Graceland führt. Es ist geradezu epiphanisch, wie man sich an „Rhymin’ Simon“ erinnert fühlt, wenn Luedecke in seinem Lied „Jonah and the Whale“ singt: „It’s been a long time of nothing / This old crime of nothing / Thin dime of nothing’s killing me“ - schuljungenhaft vorsichtig, leicht lamentierend, wie bei den Graceland-Stücken immer am Abgrund balancierend.

          Das Besondere, vielleicht Einzigartige dabei ist, dass Luedecke diese musikalische Anmutung im Zusammenhang mit dem Banjo zum Klingen bringt - und das ist im Bereich der Folk- und Countrymusik, sei sie nun eher traditionell, selbstbewusst alternativ oder auch erklärtermaßen seltsam (“Weird Folk“), alles andere als normal.

          Das Banjo, so gerne es von Singer/Songwritern heute gelegentlich als Gimmick eingesetzt wird, fristet doch noch immer ein Schattendasein in der populären Musik. In der auch sonst überaus lesenwerten Kurzgeschichte „Licks of Love“ von John Updike (deutsch: „Banjo spielen im kalten Krieg“) heißt es einmal, das Instrument sei nach dem Zweiten Weltkrieg von den Tanzbands zur Ukulele degradiert worden. Da ist bis heute etwas Wahres dran.

          Natürlich gibt es rühmliche Ausnahmen. Der Virtuose Béla Fleck hat in den vergangenen zwanzig Jahren das Banjo zu einem Soloinstrument gemacht, wie man es zuvor wohl noch nie gehört hat - als melodieführendes Organ in einem neuen Genre zwischen Jazz, Rock und Klassik, sogar elektronisch verstärkt und verfremdet. Aber Fleck ist ein reiner Instrumentalist, steht also eher als Beispiel für extravagante Solokünstler in unerwarteter Position. Dass ein „gewöhnlicher“ Songwriter, der auch singt, das Banjo anstelle der Gitarre selbstverständlich zu seinem Hauptinstrument macht, ist dagegen überaus selten geworden.

          Pete Seeger, die Vaterfigur aller singenden Banjospieler, war seinerzeit angetreten, um dies zu ändern - ein Teilprogramm der aufkeimenden Folk-Bewegung. In einem didaktischen Film des Folk-Archivars Alan Lomax von 1947 mit dem Titel „To Hear Your Banjo Play“ muss Lomax Seeger in der Eröffnungsszene noch fragen: „Now Pete, what’s that funny-lookin’ guitar you’re playing?“ Seeger erklärt darauf, das sei keine Gitarre, sondern ein Banjo, also ein Instrument, das von Anfang an zu Amerika gehört habe, nur leider in Vergessenheit geraten oder vollkommen „countryfiziert“ worden sei.

          Unbekannte Seiten des Banjos

          Mit seinem Lehrbuch „How to Play the Five-string Banjo“ und populären Liedern wie „Where Have All the Flowers Gone“ hatte Seeger das Banjo zunächst mit großem Erfolg wieder zu einem modernen Instrument gemacht. Obwohl er dafür ein leuchtendes Vorbild bleibt, ist Seeger in seinem Métier, über die Jahrzehnte gesehen, dann doch ziemlich allein auf weiter Flur geblieben - der Siegeszug der Gitarre, zumal der elektrischen, war wohl einfach nicht aufzuhalten. Ein weiterer wichtiger Vertreter ist mit John Hartford 2001 viel zu früh gestorben, hat allerdings mit dem vielleicht schönsten Banjo-Song aller Zeiten, „Gentle on My Mind“, eine bleibende Erinnerung dafür hinterlassen, dass diese Musik auch sehr melancholisch sein kann.

          Umso wichtiger scheint es, von neuem zu zeigen, dass Banjomusik neben ihrer witzigen Komponente - in Deutschland assoziiert man mit ihr gemeinhin wohl nur Kinder- und Spaß-Musik, im deutschen Fernsehfilm sind Banjotöne sofort gleichbedeutend mit Hühnerhumor im Stil des Münster-Tatorts - auch noch ganz anderen Charakter haben kann.

          Nuancierter als die Gitarre

          Ebendies demonstriert der aus Toronto stammende und heute in Nova Scotia lebende Old Man Luedecke nicht erst mit seinem neuen Album, diesmal aber auf das Schönste. Gleich die ersten Takte von „Kingdom Come“ mit ihrem absteigenden Vierklang im Pizzicato-Stil beweisen, dass das fünfsaitige Banjo durch sein enormes Tonspektrum feiner und nuancierter klingen kann als jede Gitarre. Mit dem Eröffnungsstück ist gleich klar, dass von diesem Album mehr zu erwarten ist als Hillbilly-Juckelmusik - auch wenn es ganz ohne die natürlich nicht geht, wie man später etwa bei der Uptempo-Nummer „This May Hurt a Bit“ vernehmen kann. Und selbst ein Trinklied bekommt bei Old Man Luedecke etwas Schmerzhaftes (“Little Stream of Whiskey“). Whiskeyströme führen eben manchmal an die falsche Tür.

          Das Titelstück „Tender is the Night“, dessen Titel Luedecke wiederum von F. Scott Fitzgerald entliehen hat, ist dann elegisches Programm, musikalisch wie lyrisch: „Tender is the night upon your pillow / Tender is the light above our door / Tender is the night upon this airplane / But tender is the hope of coming home“ - ein Reisender, vielleicht Heimatloser sehnt sich nach Graceland.

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