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CD der Woche : Nutzholzgewinnercharme: Kings Of Convenience

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Mrs. Cold“ Bild: Kings Of Convenience

Wenn außer Sven Regener noch jemand ein Händchen für feinste Endsommermelancholie hat, dann sind es die „Kings Of Convenience“. Hebt nach spärlich instrumentiertem Eingang der zweistimmige Gesang der Norweger in bester Folk-Tradition an, ist jeder Widerstand zwecklos.

          3 Min.

          Eben noch war Berlin im Fieber, eben noch bewegten sich an einem heißen Augusttag Menschen wie Flummis auf einem Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs, um „The Whitest Boy Alive“ zu feiern, jene blendend eingespielte Formation um den Norweger Erlend Øye, der es gelungen ist, den Repetitionsstil elektronischer Tanzmusik mit der Präzision eines Uhrwerks ganz von Hand zu erzeugen. Dann aber kamen, wie immer sehr überraschend, ja, geradezu über Nacht die Vögel, bildeten einen Mittelmeerflugverein, und mit der neuen Platte von Element of Crime war rituell der Herbst eingeläutet.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn außer Sven Regener allerdings noch jemand ein Händchen für feinste Endsommermelancholie hat, dann ist es ebenjener Erlend Øye, der nun, kaum ist die Tournee seiner Tanzkapelle vorbei, im Duett mit seinem Kollegen Eirik Glambek Bøe wieder Wohnungen, Fahrgastkabinen und Kopfhörer hinter verregneten Zugscheiben erobern will.

          Fünf Jahre ist es her, da erneuerten die „Kings Of Convenience“ das Manifest ihres ersten Albums „Quiet Is The New Loud“ mit den noch behutsameren Stücken von „Riot On An Empty Street“: zwei Gitarren, zwei Stimmen, kein Firlefanz. Es hat sich schnell herumgesprochen, dass es auch bei ihren Konzerten so ganz anders zugeht als bei dem obenerwähnten Sommerfest – man kann dort die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Das neue Album liegt wieder ganz auf dieser Linie, ja, es zitiert sogar in Musik, Text und Bild die Vorgängerplatte: Das Schachspiel als Ruhepol der nordischen Wohnzimmer-Idylle steht nun am Strand unter Palmen; der bislang nur als Titelversprechen in der Luft hängende Aufstand auf leerer Straße erhält heuer auch sein eigenes Lied (es ist vielleicht das beste der Platte).

          Sie sind einfach aus jenem Holze

          Das Eröffnungsstück „24-25“ klingt in seinen ersten Takten geradewegs wie die Reprise von „Cayman Islands“, jener stillen Bootsfahrerweise von damals; mit „Boat Behind“ wird dieses Motiv dann auch textlich wieder aufgegriffen. Die eigenartige Zupf- und Schlagtechnik mit vorsichtigen Bossa-Anleihen schließlich, die das Duo so unverkennbar gemacht hat, regiert auch dessen neuestes Werk.

          „Declaration Of Dependence“ heißt dieses denn auch passenderweise: Die Kings Of Convenience können also nicht aus ihrer Haut; sie sind wohl, mit Reinhard Mey gesprochen, einfach aus jenem Holze. Auf ihrem angestammten lyrischen und musikalischen Territorium sind sie die Könige der Nutzholzgewinnung. Ein vergleichbarer Fall wäre vielleicht der zuletzt sehr populär gewordene Jack Johnson, der mit ein und demselben, sehr eingängigen Gitarrenschlagmuster schon fünf Alben bestückt hat. Solche Markenzeichen-Musik kann man entweder genial nennen, schon ganz objektiv deshalb, weil es jemandem gelungen ist, in der Masse von Singer-Songwritern ein Alleinstellungsmerkmal zu finden; oder man ist der Ansicht, sie nutze sich schnell ab. (Vielleicht hat Øye auch eben aus diesem Grund ein zweites Standbein mit einer so gänzlich verschiedenen Band geschaffen.)

          Hauchdünn kommt der Gesang daher

          Wenn man aber zu denen gehört, die gern Variationen über ein Thema auskosten, wird man von den Norwegern reich belohnt, denn alle Stärken des Vorgängeralbums sind wieder vorhanden: die perfekte Aufnahmetechnik, die wunderbare Dynamik, wenn nach spärlich instrumentiertem Eingang der wuchtige Kontrabass einsetzt, und der zweistimmige Gesang in der Tradition der besten Folk-Gruppen der sechziger und siebziger Jahre. Die Intervalle, in denen dieser etwa bei dem Stück „Power of not Knowing“ gesetzt ist, sowie auch das Fingerpicking der einen und die offenen Akkorde der anderen Gitarre erinnern an die Charakteristik von Crosby, Stills, Nash & Young zu deren besten Zeiten.

          Das Lied „My Ship Isn’t Pretty“ wirkt sogar so archaisch, dass es auf eine Platte von Judy Collins gepasst hätte – hauchdünn kommt sein Gesang daher; im Beiheft findet sich der Hinweis, die sehr hohe Stimme hier sei „actually Erlend and not a woman“. Und dann gibt es da natürlich noch die Ohrenschmeichler, mit denen die Kings Of Convenience sich so nachhaltig ins Gedächtnis bringen: „Mrs. Cold“, ein Lied, unter der warmen Decke zu summen, oder „Peacetime Resistance“ gegen Ende der Platte, wenn man jeden Widerstand längst aufgegeben hat.

          Das alles wird getragen von der abermals sehr perkussiven Spielweise ganz ohne Schlagzeug, die nur durch den Bass und gelegentliche Abdämpfschläge auf die Gitarre zustande kommt. Erlend und Eirik spielen wiederum ihren Schuljungencharme aus. Das stets etwas zu scharfe, nordische „S“ in ihrem Englisch hatte man zwischenzeitlich schon vermisst.

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