https://www.faz.net/-gsd-xx3j

CD der Woche: Motörhead : Er trötet die Siechen

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Born to Lose“ Bild: Anna Jockisch

Am Heiligen Abend erreicht Lemmy Kilmister, Sänger der Gruppe Motörhead, das Rentenalter. Womit könnte dieser ewige Rock'n'Roller sich und uns besser beschenken als mit einer neuen Platte? Eben.

          2 Min.

          Los Angeles liegt im Sterben. Ursache war eine Art schleichender Suizid: Die Stadt, die irgendwann einmal das Prädikat „Rock-Capital“ verliehen bekam und davon seltsamerweise noch immer zehrt, hofierte einst ein paar der prächtigsten Exemplare aus dem Figurenfundus der modernen Pop- und vor allem Rockindustrie. Der Typus des selbstzerstörerischen Rebellen delirierte auf dem Sunset Strip besonders kaputt von Club zu Club, die glamourösen Diven waren in der Stadt der Engel noch etwas ätherischer oder frivoler, die Playboys hatten noch ein Paar Damen mehr am Arm hängen. Los Angeles, schrieb Chuck Klosterman einmal, sei die einzige Stadt, „in der sich jedes Klischee als absolut zutreffend erweist“.

          Irgendwann wurden die Klischees dann jedoch Abziehbilder der Imitate schaler Kopien. Die Szene lullte sich mit ihrem sinnentleerten Figurenspiel selbst ein. Sie verfettete am Konsum leerer Kultur-Kalorien. Der Strip, einst pulsierende Lebensader des Rock, wurde ein verkalkter Bypass-Kandidat, der heute nur noch von einer Herz-Lungen-Maschine aus Erinnerungen am Leben gehalten wird.

          Hart, dreckig und balladenfrei

          Über all diesem Siechtum thront Ian „Lemmy“ Kilmister, Bassist und Sänger der Band Motörhead. Der Wahl-Kalifornier (eigentlich kommt er, wie Robbie Williams, aus Stoke on Trent, England), der angeblich immer noch in einem Zwei-Zimmer-Apartment gegenüber dem „Rainbow Bar & Grill“ wohnt, vereint viele Figuren aus dem etwas begrenzten Rock'n'Roll-Kabinett als gewaltiger Superlativ: der meiste Bourbon, die meisten Frauen, die härtesten Drogen, die lautesten Konzerte. Von ihm stammen Sätze wie: „Einen Kater vermeidest du am besten, indem du nie aufhörst zu trinken.“

          Ausgerechnet jener Lemmy Kilmister hat mit Motörhead nun wieder ein Album herausgebracht, das als Herzschrittmacher für die LA-Szene fungieren könnte: „The Wörld Is Yours“ ist, nun, da lässt sich einfach nicht drum herum reden, ein Motörhead-Album. Rock'n'Roll also. Röck'n'Roll auch - wenn's denn sein muss. Schnell jedenfalls, hart, dreckig, punkig und balladenfrei. Musik, die so nur an einem aufgedunsenen Ort wie Los Angeles entstehen kann.

          Wie ein alternder Tanzbär

          Die Songs tragen sinnfällige Titel wie „Born to Lose“ (großer Auftaktprügler), „I Know How to Die“ (großer Folgeprügler), „Brotherhood Of Man“, „Outlaw“ (beides große Mittelprügler) oder „Bye Bye Bitch Bye Bye“ (Finale, prügelt auch). Die Melodien klingen wie eine Ladung rostigen Altmetalls in einem Betonmischer, die Gitarrenriffs und -soli waren das letzte Mal Ende der Achtziger modern. Grauenhaft, sollte man meinen.
          Tatsächlich ist „The Wörld Is Yours“ ein mächtiges Rock'n'Roll-Album und verschließt sich damit Fragen nach avantgardistischer Klangästhetik, kompositorischer Fortschrittlichkeit oder kluger Melodieführung. Groß wird die Musik, wenn sie die Kraft entwickelt, alle theoretischen Traktate mit einem einzigen, wuchtigen Akkord wegzufegen. Und genau das gelingt. Das Album zeichnet sich durch den unbedingten Willen, den unbändigen Drang aus, die Nische „Everything louder than everything else“ zu behaupten.

          Das ist in seiner Präpotenz natürlich redundant oder reaktionär. Das verströmt mehr Testosteron als ein Rudel Australier auf dem Oktoberfest. Und selbstverständlich wirkt Lemmy gelegentlich wie ein alternder Tanzbär, wenn er etwa skandiert, dass Rock'n'Roll „die wahre Religion“ sei. Aber wenn man überhaupt noch jemandem die Platitüden über Alkohol, Sex, Gewalt und Hass (die Themen dieses wie jedes anderen Motörhead-Albums) abnimmt, dann ihm.

          Ob Lemmy Kilmister, wie Wegbegleiter behaupten, nun tatsächlich nur das macht, was er will, oder ob er seine Kunstfigur einfach nur bis zur Gänze ausspielt, ist dabei unerheblich. Ein Retter muss nicht unbedingt echt sein. Seine symbolische Kraft reicht aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Präsentation des iPhone 11 in Kalifornien

          Apple : Coronavirus könnte Zeitplan für neues iPhone gefährden

          Kommt das neue iPhone mit Verspätung? Insidern zufolge können Apple-Experten in China derzeit nicht an der neuen iPhone-Generation arbeiten. Für einen reibungslosen Produktionsstart sind die ersten Monate des Jahres essentiell.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.