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CD der Woche: Mavis Staples’ „One True Vine“ : Warum wird Soul auf der ganzen Welt verstanden?

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Can You Get To That“ Bild: Indigo

Amerikas dienstälteste Soul Sister erinnert sich noch gut an die Zeit, in der sie Kampfhymnen sang. Für ihr neues Album „One True Vine“ hat Mavis Staples wieder mit dem Wilco-Sänger Jeff Tweedy zusammengearbeitet.

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          Frau Staples, Sie geben heute Rock- und Popstars neue Inspirationen. Sie haben etwa mit Prince und Ry Cooder zusammengearbeitet, für Ihr neues Album schrieben Jeff Tweedy und Nick Lowe Ihnen eigens ein paar Songs auf den Leib. Tweedy scheint momentan Ihr größter Fan und Förderer zu sein - auch Ihre neue CD „One True Vine“ hat er wieder produziert. Dabei kommt der Mann aus ganz anderen Indierock-Zusammenhängen als Ihre früheren Produzenten wie etwa Curtis Mayfield.

          Wenn es nach mir ginge, würde ich den Rest des Lebens nur noch mit Tweedy aufnehmen. Weil er sich in meine Geschichte, meine Musik hineinfrisst, mich oft besser kennt als ich selbst. Mit Curtis Mayfield lief das ganz anders. Er war eher Teil meiner Familie, ein Soulbrother, mit dem ich die neuesten Moden diskutierte. Tweedy aber studiert mich wie ein wertvolles Musikinstrument.

          Mit Tweedy beleben Sie Ihre Gospelperiode der fünfziger und sechziger Jahre neu, in der Sie, nur von einer Gitarre begleitet, mit der Familienband Ihres Vaters von Kirche zu Kirche zogen.

          Tweedy predigt mir immer, dass sich die Menschen heute nach dem ungefilterten Soul der Staples Singers sehnten. So hat er mich zu meinen Wurzeln zurückgebracht - full circle. Die meisten Songs meines neuen Albums wie „What Are They Doing In Heaven Today“ oder „Woke Up This Morning“ kenne ich schon seit meiner Kindheit. Meine Großmutter in Mississippi hat sie mir als jungem Mädchen vorgesungen, und jeden Sonntag schmetterten wir sie in der Kirche. Tweedy sage ich manchmal: Wo hast du diese Nummer bloß ausgegraben? Die wurde schon in Sklavenzeiten geschrieben, und jetzt willst du sie unseren jungen Leuten verkaufen.

          Sie wollen keine Nostalgie, sondern mit diesem archaischen Songgut die Generation Ihrer Enkel und Urenkel erreichen?

          Was gibt es Schöneres? Überall wo wir auftreten, sehe ich diese jungen Menschen, die vielleicht Wilco kennen, aber nun zum ersten Mal unseren Gospel hören. Tweedy selbst hat mir gestanden, dass er sich als Teenager in mich und meine Musik verliebt hatte: Er jobbte damals in einem Plattenladen und kam so an die alten Platten aus den fünfziger und sechziger Jahren. Er kennt wirklich jedes Detail jedes Staples-Singers-Songs!

          Mit den Staples Singers haben sie den Optimismus des Gospel mit Appellen an Selbstwertgefühl und politischen Aufbruch gekoppelt. Wie aktuell sind Ihre einstigen Botschaften heute?

          Ich singe auf meinem neuen Album etwa „I Like The Things About Me“. Läuft nicht auf allen Fernsehkanälen und Popvideos dieser Schönheits- und Fitnessterror? Warum ist es nur so schwer, sich selbst zu mögen? Als ich jung war, haben wir diesen Song wie eine Kampfhymne gesungen: Es gab viele Leute, die mochten ihre dicken Lippen und ihr Kraushaar nicht. Weiße hatten schöne dünne Lippen, glattes Haar. Wir sind heute weiter: spätestens seit James Browns „I’m black and proud“ und Afrolook als Ausweis von Stolz. Dennoch möchte ich den Song all diesen Teenagern widmen, die sich dafür hassen, nicht wie Rihanna auszusehen: „I love the things about me now that I once despised . . .“.

          Wenn Sie vor einem Publikum von College-Studenten auftreten, die nicht mal halb so alt sind wie Sie, erzählen Sie dann von der Vergangenheit?

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