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CD der Woche: Mary Chapin Carpenter : Mein Herz heißt Jericho

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „The Swords We Carried“ Bild: Rounder Records / Concord Music (Universal)

Mary Chapin Carpenter serviert auf ihrem neuen Album „Ashes and Roses“ einen hochprozentigen Country-Abschiedsdrink.

          3 Min.

          Ist das Leben ein Flughafen-Terminal? Verschiedene Filme haben das schon glauben machen wollen, und am besten können es die amerikanischen. Auch die Popmusik hat ihre eingängigen Airport-Szenen, zum Beispiel in dem sehr schönen „Just a Song Before I Go“ von Crosby, Stills & Nash, der so kurz ist wie der Abschied, um den es geht. Wir müssen immer weiterfliegen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch Mary Chapin Carpenter weiß das: „We are travellers travelling / We are gypsies together / We’re philosophers gathering / We are business or pleasure“. Der Mensch steht in der Schlange und wartet aufs Boarding. Das inklusive „wir“, mit dem einer für alle spricht, liegt der Sängerin schon lange, man hört es von ihr wohl noch öfter als in den Aufmachern einer Hamburger Wochenzeitung. Aber die aus New Jersey Stammende, die seit den späten achtziger Jahren zwischen Country und Folk unterwegs ist, war vielleicht noch nie so ganz bei sich wie auf ihrem jetzigen Album. Das liegt wohl, wie man den Liner Notes entnehmen kann, an der Last des Lebens, die sie in den vergangenen Jahren zu tragen hatte: Von Scheidung, Verlust eines Elternteils und schwerer Krankheit ist da die Rede.

          Nun hat man die biographische Bürde eines Künstlers gewiss schon öfter als Marketingmittel eingesetzt. Aber hier kann man kaum umhin, den behaupteten Hintergrund ernst zu nehmen und sich davon leiten zu lassen. Das beginnt mit dem Flughafen-Lied, dessen Thematik metaphorisch enggeführt wird mit der Reise zur Himmelspforte, an der wir hoffentlich alle einmal ankommen („Transcendental Reunion“), und endet mit der Piano-Ballade „Jericho“, die so rührselig ist, wie es eben nur gewisse amerikanische Piano-Balladen sein können, die aber, wenn sie auf eine entsprechende Bürde des Hörers treffen, die Wände seiner Welt gehörig zum Wackeln bringen können. „For if love is a labyrinth / Then my heart is Jericho“.

          Was das Album so eingängig macht, sind der beständig kontemplative Gestus und der stark geweitete Blick, mit dem die Künstlerin von hoch oben über die Landschaft des Lebens oder zumindest aus einem großen, offenen Fenster in die Ferne schaut. Es geht hier immer ums Ganze. Mary Chapin Carpenter hat keinerlei Scheu, Wahrheiten und Weisheiten en masse auszugeben; sie leitet sie aber stets aus sehr konkreten, glücklich eingefangenen Szenen ab. Da ist der Einkaufszettel in der Jacke eines Verstorbenen oder Verschwundenen; Milch steht darauf und andere Dinge des Alltags, und dann heißt es übergangslos: „Sundays are the hardest“.

          Um irgendwie weiterzumachen, ist schließlich der schmerzliche Ausputz nicht zu vermeiden: „Erase the old phone numbers, delete all the photos / Burn the lists of letters / Sweep out all the old thoughts“, und wieder: „Throw every window open“, lernt man in dem Stück „What to Keep and What to Throw Away“. Wie schwer die Resolutionen aus dieser kleinen Philosophie des Abschieds umzusetzen sind, wird dann jedoch in weiteren Liedern schmerzhaft bewusst: Immer wieder jagt man doch noch nach dem, was längst weg ist („Chasing What’s Already Gone“), werden alte Kämpfe wieder von der Erinnerung befeuert („The Swords that We Carried“). Nein, das gängig-amerikanische „No hard feelings“ gilt hier nicht. Manchmal führen die blitzartigen Wut- oder Weheinschläge sogar zum Zusammenbruch. Den allerdings beschreibt die Sängerin so poetisch, dass es fast schon wieder schön ist: „Weeping in the wilderness of the supermarket aisle“ - da bricht das Weinen der Welt aus der Wildnis der Konserven und Tütensuppen.

          Einsichten einer gereiften Frau

          Musikalisch ist das immer an ganz rigide Songstrukturen gebunden, die sich der Textlast völlig unterordnen: ruhige Gitarrenzupfmuster über gleichmäßigem Besenschlagzeug, selten mischen sich noch einige Banjotöne darunter. Und doch ist gerade diese scheinbar unaufregende Form gespickt mit vorsichtiger Dynamik, wenn es darauf ankommt: eine schlicht perfekte Produktion, die der immer zwischen Singen und Sprechen changierenden Altstimme der Künstlerin stets Vorrang gibt. Einzelne Stücke in solchem Stil fand man bei Carpenter schon immer, etwa das unvergessliche „The Moon and St. Christopher“ auf „Shooting Straight in the Dark“ (1990). Solch ein Mond für die Beladenen war jedoch auf den grundsätzlich dem Mainstream-Country verhafteten Werken, mit denen sie bis Mitte der neunziger Jahre erfolgreich war, die Ausnahme.

          Bereits 2001 scherte die Sängerin dann aber aus dem Strom aus, um mit dem in ihrem Métier ungewöhnlichen Plattentitel „Time * Sex * Love“ die Einsichten einer gereiften, unabhängigen Frau zu präsentieren. Die „New York Times“ sprach von einem „Konzeptalbum über das mittlere Alter“, das sich allerdings als nur bedingt radio- und rodeotauglich erwies. Nachdem es nun eine Zeit lang etwas stiller um die 1958 Geborene war (die übrigens nicht verwandt ist mit dem 1981 verunglückten Sänger Harry Chapin), hat dann wohl auch der Wechsel von Columbia Records zu der auf handgemachten Country spezialisierten Plattenfirma Rounder Records nochmals einiges zu der Klarheit und Besonnenheit beigetragen, die dieses jüngste Album bestimmt und sehr rund macht.

          Den Humor, den Mary Chapin Carpenter früher an den Tag legte, wenn sie etwa eine Ménage à trois mit den beiden Country-Gentlemen Dwight Yoakam und Lyle Lovett imaginierte („Boys, you don’t have to fight!“), scheint sie verloren zu haben. Für den Hörer ist das aber ein Gewinn - für einmal zumindest, für die Dauer eines musikalischen Abschiedsdrinks, der pur getrunken werden will

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