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CD der Woche: Mark Knopfler : Er läuft heiß - na und?

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Hot Or What“ Bild: dpa

Seemannsgarn und Freibeutertum: In seinem neuen Album „Privateering“ plündert Mark Knopfler die Folktradition - und möchte sein erfolgreiches Geschäft als prekären Rock-’n’-Roll-Lifestyle romantisieren.

          3 Min.

          He, ho, und hoch die Segel: Ein Tourbus, leicht als abgetakelte Fregatte zu erkennen, dazu ein streunender Hund und darüber der Titel „Privateering“ (“Freibeutertum“) - das Cover von Mark Knopflers jüngstem Werk weckt hohe Erwartungen. Wer aber dahinter nun eine Allegorie auf moderne Piraterie und Söldnertum oder sonstwie geartete Kulturkritik vermutet, der hat sich getäuscht. Das Titelstück will tatsächlich nicht mehr sein als ein etwas naiver Traum von Freibeuterei, textlich wie musikalisch ist es mit allerlei altem Plunder ausgestattet, vom Kanonendonner an fernen Küsten bis hin zu Wein, Weib und Gesang.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Zeug aus der Mottenkiste wird dann auch noch mit einem He-Ho-Seemannschor aufgebrezelt, um schließlich in dem Versuch eines typischen Knopfler-Knallermoments zu gipfeln, wie er in dem Stück „What it is“ vor Jahren gut gelungen war: Lange aufgestaute Rock-Emotion, die nach crescendierend treibendem Trommelrhythmus endlich im Gitarrensolo zum Ausbruch kommt. Hier allerdings wird es ein Rohrkrepierer von Selbstzitat.

          Rückfall in kitschigere Sphären

          Lyrisch intimer, weniger aufdringlich wirkt dagegen das auch von der Seefahrt inspirierte „Haul away“, es setzt mit einer mehrdeutigen Abschiedsszene ein: „Twas a windless night / When you left the ship / You never were a steady bold one // I gave my hand / Oh but you did slip / I’m a living man / and you’re a cold one.“ Daraus hätte etwas werden können. Leider wird das Lied alsbald erdrückt von einer wahren Tin-Whistle-Orgie. Der Himmel über dem verlassenen Matrosen hängt nicht voller Geigen, aber voller Flöten.

          Dies ist, nach einigen sehr guten Alben Knopflers im vergangenen Jahrzehnt - unangefochten an der Spitze: „Sailing to Philadelphia“ von 2003 -, ein glatter Rückfall in die kitschigeren Sphären seines ersten Soloalbums „Golden Heart“ (1996). Und tatsächlich dominiert der Bezug auf dieses Altmetall der Lied-Dichtung auch das neue Werk und muss zwangsläufig in der Piratenmetaphorik immer wieder auftauchen, prominent gleich im ersten Stück „Kingdom of Gold“.

          Musikalische Beliebigkeit

          Unter den zwanzig sehr verschiedenen Songs gibt es allerdings auch solche, die auf Klunker und Gimmicks verzichten. „Go Love“ und „Yon Two Crows“ sind eher ausgeruhte Balladen, welche die Irish-Folk-Elemente immerhin etwas dezenter einzusetzen wissen. Ohrenschmeichlerisch nett, aber doch zu sehr ins Postkartenformat gefasst dann das Stück mit dem gesäuselten Refrain „Seattle - You’ve got to love the rain“. Es mag dabei Altersmilde mitspielen; aber man wünscht sich doch die Schärfe und Angriffslust der frühen Dire Straits (etwa bei „Six Blade Knife“ oder „Down to the Waterline“) sehnlich zurück.

          Knopflers erklärter Anspruch, mit Hilfe der umfangreichen Band aus alten Hasen die Tradition Großbritanniens mit der amerikanischen zu mischen, seinen Heimatfluss Tyne also gleichsam ins Mississippi-Delta münden zu lassen, führt hier zu einer musikalischen Beliebigkeit, die den Hörer kaum zur Besinnung kommen lässt. Den lakonischeren Knopfler mit seinem hintersinnigen, halb sprechenden Gesang, der bislang am deutlichsten in dem Stück „Baloney Again“ (was so viel heißt wie: wieder mal den Zonk gezogen) vom Philadelphia-Album hervorgetreten war, muss man auf dieser Platte mit der Lupe suchen. Am ehesten zeigt er sich noch in einigen Bluesnummern, die sehr von den nicht zu aufschneiderischen, eher heiser-krähigen Beiträgen des Mundharmonika-Spielers Kim Wilson von den Fabulous Thunderbirds profitieren. „I’m runnin’ hot - Baby, am I hot or what?“ - das trägt Mark Knopfler so lässig vor, wie es B.B. King nicht besser könnte.

          Schließlich darf die Erläuterung des Albumtitels durch den Künstler selbst nicht verschwiegen werden, sie ist einigermaßen durch den Wind: In der Freibeuterei nämlich erkennt Knopfler, man höre und staune, sein eigenes Musikerdasein: „Vollkommen auf dich selbst gestellt, ziehst du also durch die Lande und bahnst dir deinen Weg um die Welt. Staatliche Zuschüsse gibt’s nicht, wenn du diese Art von Musik machst“ - so wird er in den Liner Notes zitiert. Dies mag 1978 der Fall gewesen sein. Dass ein gestandener, mit mehr Platin als Gold behängter und jüngst mit einem Lifetime-Achievement Award ausgestatteter Künstler, für den es keinerlei Risiken mehr gibt, wirklich die Chuzpe hat, sein Geschäft als prekären Rock-’n’-Roll-Lifestyle zu romantisieren, ist auch angesichts der Legionen von unterprivilegierten jüngeren Kollegen ein starkes Stück.

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