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CD der Woche: Madonna : Die Chefin ist zurück

Hörprobe: „Masterpiece“ Bild: Interscope (Universal)

Erst wenn Bruce-Springsteen-Hörer übers Alter reden, dürfen wir das bei Madonna auch: Deren neues Album „MDNA“ ist etwas für all die Millionen, die andere Sorgen haben als moralinsaure Kulturkritik.

          4 Min.

          Popmusik - nicht dieses fortwährend nach „wichtigen Alben“ oder „sozialen Veränderungen im Clubwesen“ geordnete und daher größtenteils ausgedachte Zeug, das unsereins Kritikmensch gerade noch mitkriegt, sondern der brodelnde, in steter Gärung begriffene, mal leckere, mal mit eiskalten Bohlenviren verseuchte Dreck, der sich pikosekundenweise in Casting-Katastrophen, Streaming-Ozeane und Teenager-Fernsehserien-Soundtracks ergießt - versteht längst kein Mensch mehr: War das im Taxi gerade Rihanna oder was Schiefes aus Rumänien, wieso lassen sich Zendaya und Bella für die „Bravo“ in dermaßen unvorteilhaften Fetzen fotografieren, und seit wann heißt Hiphop aus Stuttgart eigentlich „Cro“ statt „Fantastische Vier“?

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Egal, es gibt eine neue Madonna-Platte (Aufatmen bei bezahlten wie darbenden Bloggern: Okay, die Alte kennen wir wenigstens). Und? Wie ist sie so? Drei himmlische Nummern, drei scharf verunglückte, der Rest hält sorglos mit sich selbst mit. Ein Stück heißt „Masterpiece“, ist aber keins, sondern schmachtet verhalten lacrimando auf bequemem Teppichklopfertupfenrhythmus vor sich hin. Nebenbei fällt der Chefin an anderer Stelle immerhin die zweitbeste Textzeile ihrer Karriere aus dem Mund. Saubere Arbeit, zufriedene Kundschaft, Faktenfresser bitte nicht weiterlesen, es beginnt die zergrübelte Etüde.

          Ohne Hirn, aber mit wehenden Mähnen

          Möglich wäre ja zum Beispiel, dass das digitale Soundzeitalter endlich Geräusche gefunden hat, die dem Historisierungsgehabe der Popkritik wenigstens im Moment der Veröffentlichung widerstehen und damit der vorwegnehmenden Nostalgie, die derzeit so viel Pop so widerwärtig macht, den Weg versperren - auf „MDNA“, dem neuen Madonna-Brocken, erzeugen dieses Empfinden gewisse Fanfaren, aus Blechbacken blasende Harmonien sowie diverse erlesen dumme Beats. Es dämmert da etwas wie die Suggestion von erneuerter Monauralität herauf: Wann und wo ist eigentlich Stereo gestorben?

          „Like a fish out of water“ nennt Madonna einen Zustand, der ihr hörbar recht gut passt, kühl wie eitel Edelgas, aus einem Glitzern herausgeflötet, das von der Wiedererkennbarkeit dieser weltberühmten Stimme nichts zu wissen vorgibt - und dazu, Galoppel, Galoppel, tänzelt ein hypno-erotischer Beat und stellt sich schließlich auf die Hinterbeine wie eine hübsche Reihe weißer Pferdchen ohne Hirn, aber mit wehenden Mähnen. Das Ding heißt „Gang Bang“, au Backe. Zur Fortführung des brillanten Anfangs-Minimalismus gebricht der seltsamen Nummer schließlich zwar der Mut; erstklassig ist sie aber trotz der Aufgescheuchtheiten, die in ihm herumfegen: Nervosität also kennt sie noch, die Allererfolgreichste, Gott sei Dank.

          Wie ein Luftballon in der Stratosphäre

          Oft wird das weit Ausladende, das man von Madonna seit „Ray Of Light“ (1998) kennt, jetzt in Verschlucktes zerkrümelt wie Zahnstein bei der medizinischen Mundreinigung. Andererseits, wenn es sein muss, röhrt sie schamlos: „I’m addicted to your loooove“ - der vollmundig gelogene Gesang wird von Echos und anderen Overlays lustvoll erwürgt oder mit Schmalz weggehaucht, als wären alle Noten Pusteblumensamen.

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